Schlagwort: Er (Seite 1 von 3)

Wie gemalt

In der rechten Hand hielt er ein Buch, in der linken Hand einen Apfel. Das Buch hatte Seiten, aber keine Buchstaben und der Apfel war aus Wachs. Auch sonst verhielt sich die gesamte Situation grotesk. Die Tatsache, dass er splitternackt war, störte ihn eigentlich noch am wenigsten. Ob er wohl kurz seufzen durfte oder würde das die Künstlerin aus dem Konzept bringen? Wäre das absurd teure Bild dann ruiniert? Er beschloss, es darauf ankommen zu lassen und atmete geräuschvoll aus. Keine Reaktion. Die Künstlerin schien gerade mit einem delikaten Teil beschäftigt zu sein. Er versuchte, an etwas Großes zu denken.

Armer reicher Junge

Seit Nicks Eltern Mitglied in diesem neuen, schicken Country-Club waren, verbrachten sie zusammen jedes Wochenende dort. Kinder waren zwar erwünscht, allerdings nur so lange man möglichst wenig von ihnen sah. Daher „durften“ Nick und seine so genannten Spielkameraden an Aktivitäten teilnehmen.  Heute war es Rudern. Nick fand Ruder nöde. Er trieb mit dem kleinen Boot einfach nur auf dem See. Er stellte sich vor, wie die Erwachsenen zusammen saßen und ihr Geld zählten. Er konnte es kaum erwarten, wieder nach Hause zu kommen, um weiter an seinem geheimen Projekt zu arbeiten: seiner Laserkanone. Er würde sie nicht verkaufen. Aber benutzen.

Mondtag

Unter den Arbeitern kursierte ein Sprichwort: „Wenn du weißt, dass aus einem Wurmloch keine Insekten kommen, bist du qualifiziert.“ Wenn er sich jedoch einige seiner Mitreisenden ansah, bezweifelte er, dass sie selbst dieses Kriterium erfüllten. Jeden Morgen wurde er zusammen mit einem Haufen anderer Männer und Frauen in eine enge Raumfähre gesperrt und auf den Mond geschossen, um dort in den Minen zu arbeiten. Die Menschheit war weit gekommen, aber nicht so weit, jedem Menschen faire und würdevolle Arbeitsbedingungen zu bieten. Alle hassten den Mond. Er war kalt, öde und unfreundlich. Doch er brauchte das Geld. Sie alle brauchten es.

Das Häuschen im Grünen

Wenn er die Augen schloss, war er gleich dort. Er konnte das sanfte Rascheln der Blätter im Wind hören, spürte das satte Gras unter seinen Füßen und sah das Glitzern der Sonne auf dem kleinen See. An diesem Ort, seinem Häuschen im Grünen, war er glücklich. Es gab keine anderen Menschen, keine hupenden Fahrzeuge, keine stickige Luft aus der Autoheizung. Sein Häuschen im Grünen blieb das ganze Jahr über perfekt. Es wuchs kein Unkraut, es regnete niemals und es wurde nicht dunkel. Wenn er an diesem Ort war, wollte er nicht wieder weg. Doch er musste. Er öffnete die Augen.

Freaks

Es war alles bereitet für einen großen Abend. Einen großen Abend in einem weiteren Provinzkaff in Illinois, dessen Name er sich nicht merken konnte. Seine Zaubershow war das Highlight des reisenden Jahrmarktes, wenngleich die Zeitungen meist nur über die Freakshow berichteten, über die bärtige Frau, die Siamesischen Zwillinge und natürlich Anton, den „Stärksten Mann der Welt“, dessen wuchtiges Brüllen gerade wieder alle Buden auf dem Platz erzittern ließ. Sämtliche Gespräche verstummten augenblicklich. Der Zauberer drehte sofort um und machte sich auf den Weg zu seinem Wohnwagen, um den Verbandskasten zu holen. Der stärkte Mann der Welt war ein riesiger Tollpatsch.

Der Praktikant

Vermutlich hatte er so eben einen neuen Rekord aufgestellt. Dies war bereits sein fünfter Tag im Praktikum und er hatte noch gar nichts gemacht. Kein einziges Blatt kopiert, keinen Kaffee gekocht, keinen Papierkorb geleert. Er war der nutzloseste Praktikant aller Zeiten und das machte ihn verdammt stolz. Den ganzen Tag versteckte er sich in irgendeinem Raum, der gerade frei war, und blieb völlig unsichtbar.  Aus den Augen, aus dem Sinn. Er war ein Geist, da und doch nicht da, auf keinem Radar zu erkennen, ohne feste Materie. Er fand das durchaus sehr beachtlich, immerhin war es die Firma seines Vaters.

Mal was anderes

Mein „großer“ Bruder sah mich an, als wäre ich komplett verrückt geworden. Er war nicht wirklich größer als ich, wir waren alle keinen Meter groß, aber er lebte schon länger als ich. „Was ist das?“ fragte er mich und zeigte auf den Gegenstand in meiner Hand „und wo ist deine Spitzhacke?“ Seine Stimme klang schrill. „Ich habe getauscht“ erklärte ich zufrieden. „Ge…“ mein Bruder war fassungslos „du hast deine Spitzhacke gegen dieses Ding getauscht?“ Er sah jetzt aus, als würde er mich am liebsten an den nächsten Baum fesseln. Ich grinste: „Wer sagt denn, dass Zwerge keinen Dreizack haben dürfen?“

Bis ins Mark

In meinen Adern brannte der Zorn. Mit weit aufgerissenen Augen starte ich ihn an, mein Atem ging schwer. Als einziges Geräusch durchbrach ein leises Klicken die bedrohliche Stille. Als er sich bewegte, fletschte ich die Zähne. Das Schlachtermesser lag locker in meiner rechten Hand und gab mir doch ein Gefühl der Macht. Ich kniff meine Augen nun eng zusammen, um ihn besser sehen, jede seiner Bewegungen wahrnehmen zu können. Ich atmete tief ein und … „Britta, entspann dich!“ Der Fotograf lugte hinter seiner Kamera hervor: „wir fotografieren dich nur halsabwärts, du musst diese ganzen Grimassen nicht schneiden.“ Ich vergeudete mein Talent.

Stets bemüht

Rechtschreibung und Grammatik sind in Ordnung, das kann ich ihm aber nicht sagen. Es würde viel zu gönnerhaft klingen. Ich muss etwas Nettes über die Handlung äußern, irgendwas. Im Kopf gehe ich nochmal alles durch. Seine Geschichte beginnt mit einem alten Mann, der vergisst, seine Brille zum Pilze sammeln mit zu nehmen und daher versehentlich zu giftigen Pilzen greift. Soweit so gut, nur etwas erstaunlich, dass er ohne Brille keine Pilze unterscheiden, aber sicher durch den Wald laufen und wieder nach Hause fahren kann, wo er dann die giftigen Pilze zubereitet, statt dort endlich seine Brille aufzusetzen … irgendwas Positives. Irgendwas.

Handstand im Sturm

Hat er gerade wirklich „Handstand im Sturm“ gesagt? Ich versuchte mich aus meinem leichten Dämmerschlaf zu lösen und der Vorlesung wieder zu folgen. Oder war es „Handschuh im Turm“? Nein, das ergab auch keinen Sinn. Seufzend stellte ich meine Bemühungen ein und ließ meine Gedanken abermals abschweifen, während die monotone Stimme des Professors durch den Raum schlich. Ich hätte wirklich wahnsinnig gerne Superkräfte. Ganz egal welche. Fliegen zu können wäre schon cool,  mit Telekinese könnte man allerdings viel mehr anstellen. Die Fähigkeit des Gedankenlesens stellte ich mir etwas anstrengend und vermutlich ernüchternd vor. Hat er gerade „Vogel im Schloss“ gesagt?

Die neue Realität

Früher, als die Welt noch so war, wie sie sein sollte, zählte er zu den Versagern. Er gehörte zu den Menschen, die nie etwas Besonderes taten, nichts gut konnten und keine Spuren hinterließen. Dies zu ändern hatte nur einer kleinen Zombie-Apokalypse bedurft. Seit Millionen von Untoten die letzten verbliebenen Menschen bedrohten, war er jemand. Er war ein Überlebender, ein Kämpfer, eine Zombietötungsmaschine. Gerade hatte er wieder zwei der Stinker erledigt. Als er sich zu seiner Gruppe umdrehte, verschwamm plötzlich alles vor seinen Augen. Er seufzte. Mehr als eine Stunde virtuelle Realität in der Woche konnte er sich leider nicht leisten.

Bei der Apfelschussszene bitte nicht lachen

Der Sommer 1927 versprach ein besonderer in der Geschichte unserer Stadt zu werden. Das Freilichttheater, das im Jahr zuvor feierlich eröffnet worden war, erfreute sich immer größerer Beliebtheit. Viele neue Stücke waren für die kommenden Monate in Planung. Nur Tell war nicht zufrieden. Seinen richtigen Namen hatten die meisten Bürger längst vergessen, er wurde nur noch nach der Figur benannt, die er auf der Bühne verkörperte: Wilhelm Tell. Auf einer Sitzung hatte er seinem Ärger zum wiederholten Male Luft gemacht. Nun standen die Organisatoren vor einem großen Dilemma. Sollten sie wirklich ein Schild mit“ Bei der Apfelschussszene bitte nicht lachen“ aufstellen?

Vollendung

Mein Blick schweifte über das, was einmal ein einladendes Wohnzimmer gewesen war. Jetzt herrschte das pure Chaos. Das Sofa und die Sessel waren aufgeschlitzt, zwei Regale umgeworfen und Stücke des Teppichs fehlten. Hier in New York überraschte mich nicht mehr viel, aber dieser Tatort war grotesk. Eine Kollegin in Uniform überreichte mir das im durchsichtigen Beutel verschlossene Beweisstück. Ich betrachtete es von allen Seiten. Man konnte wenig darauf erkennen, aber ich wusste bereits, dass das komplette Puzzle ein Sternbild ergab. Dieses letzte Teil hatte der Verdächtige gesucht. Erst verzweifelt, dann rasend. Es zu verstecken hatte seinem Mitbewohner das Leben gekostet.

Besuch beim Arzt

Der junge Arzt, ich schätzte ihn auf Anfang oder Mitte 30, sah erst mich an, dann die Akte in seiner Hand, daraufhin wieder mich und schließlich erneut die Akte. Die Reaktion überraschte mich nicht. Manchmal machte ich mir einen Spaß daraus, neue Ärzte aus der Fassung zu bringen, aber heute war mir nicht danach. Mein Kopf hämmerte. „Ich brauche etwas gegen Kopfschmerzen“ erklärte ich ganz sachlich. Freilich brachte ihn das auch aus dem Konzept. Niemand würde je vermuten, dass ich wegen meines Kopfes in einer Arztpraxis war. Mein Kopf sah völlig normal aus. Er war nicht grün oder hatte scharfe Krallen.

Ende

Aus der Traum. Ende Gelände. Schicht im Schacht. Gerd fallen viele Redewendungen ein, um an das eine Wort nicht denken zu müssen: Versagen. Er hatte einen verrückten Traum gehabt und war damit auf die Nase gefallen. Er konnte jetzt den Handwerkern die Schuld geben, die ihn über einen Tisch gezogen haben, denn sie selbst nie im Leben zimmern könnten, oder der Bank, die ihm kein Geld mehr leihen wollte, obwohl er bei jedem verdammten Meeting eine Krawatte getragen hatte. Das half ihm aber auch nicht weiter. So viel ärmer er um Euros war, so viel reicher war er an Erfahrung.

Der Profi

Felix war ein verdammt guter Fußballspieler und Basketballcrack noch dazu. Er wusste genau, wie man einen Ball schießen oder werfen musste, um einen Volltreffer zu landen. Er besaß ein untrügliches Gespür für Richtungswechsel und Geschwindigkeit, konnte die Bewegungen seiner Gegenspieler perfekt voraussehen und wusste immer genau, wo seine Mitspieler stehen. In der Theorie. In der Praxis bekam er von Sportschuhen sofort schmerzhafte Blasen an den Zehen, hasste es wie die Pest zu schwitzen und verfiel in Panik, wenn ein Ball direkt auf ihn zuflog. Seine Lieblingsposition war die des Zeugwarts. Niemand konnte ihm da das Wasser reichen. Er reichte es.

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