Schlagwort: Sommer

Plötzlich Sommer

Hektisches Durchsuchen des Schrankes nach den T-Shirts. Endlich kann die Winterjacke in die Wäsche, sie riecht auch schon ein bisschen. Oh, laut diesem zerknitterten Zettel in der Tasche hatte ich vor 27 Tagen einen Zahnarzttermin. Jetzt schnell die Gartenmöbel auf die Terrasse tragen. Waren das nicht letztes Jahr mehr Stühle? Die Gefriertruhe ist voller Fischstäbchen, aber nirgendwo Eiswürfel. Apropos Eis: Ist noch genügend Banane für Milchshake da? Wärme ist gar nicht mal so gut für Obst. Die ersten Fruchtfliegen steigen empor. Draußen zwitschern die Vögel. Ein Rasenmäher springt an, dann noch einer und noch einer. Alle wachen auf. Plötzlich ist Sommer.

Der Sommer der Unabhängigkeit

Ihr ganzes Leben lang  ist sie perfekt gewesen. Erst die perfekte Tochter, die ihren Eltern gehorchte, dann die perfekte Hausfrau, die ihrem Mann jeden Wunsch von den Lippen ablas. Diese Person gab es jetzt nicht mehr. Der Sommer 1934 war ihr Sommer der Unabhängigkeit. Sie tat nur noch, was sie wollte, wann sie es wollte. So lange sie es noch konnte. Bald würde alles in sich zusammenstürzen. Sie besaß kein eigenes Einkommen, sie wusste nicht, wohin sich ihr Mann mit seiner blutjungen Geliebten abgesetzt hatte und jeder würde ihr die Schuld geben. Die Zeit bis dahin wollte sie einfach nur genießen.

Schatten

Ich blickte dem Rettungshubschauber hinterher, bis ich ihn nicht mehr am Horizont erkennen konnte. Es war ein strahlender Sonnentag im Juli. Vielleicht der schönste Tag des ganzen Jahres mit blauem Himmel und einer angenehmen Temperatur. Ein wirklich blöder Tag, um ohne nach links und rechts zu schauen mit dem Fahrrad über die Straße zu fahren und sich von einem Auto überrollen zu lassen. Ganz sicher war ich mir nicht, was gerade mit mir passierte, aber aus irgendeinem Grund stand ich hier in der warmen Sonne, während mein Körper in dem Hubschrauber war. Mir fiel auf, dass ich keinen Schatten warf.

Der letzte Sommer

Das Land begann sich zu verändern. Viele ihrer Nachbarn und Verwandten wollten dies nicht wahrhaben, aber die drei Freundinnen waren lange genug auf der Welt, um die Zeichen der Zeit zu erkennen. Sie hatten schon einen großen Krieg erlebt. Damals, als sie viel jünger waren. „Lasst uns noch einmal ans Meer fahren“ schlug Magda den beiden anderen Frauen, die sie gefühlt schon ein ganzes Leben kannte, vor. Sie war die Älteste, aber nie zuvor hatte sie eine Unternehmung angestoßen. Bettina und Klara sahen sich einen Augenblick lang an. „Das ist eine sehr gute Idee“ erwiderte Bettina schließlich. Noch einmal verreisen.

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