Kategorie: Phantastisch (Seite 1 von 2)

Die Wissenschaft hat festgestellt

Die klügsten Köpfe des Planeten haben sofort gemutmaßt, dass die mysteriösen Meteoriteneinschläge, die durch jedes Warnsystem der Erde  geschlüpft waren und die Menschheit völlig überrascht hatten, Auswirkungen auf die Umwelt haben würden. In den Boulevardzeitungen überall auf der Welt erschienen Horrorprophezeiungen von Zombiebienen, ungenießbarem Wasser, Menschen mit sechs Armen und einer auf ewig verdunkelten Sonne. Die meisten dieser Meldungen waren paranoider Unsinn, den Experten nicht einmal kommentierten. Die Wissenschaft konnte die Leute schließlich beruhigen. Natürlich stellte es ein gewisses Problem da, die gigantischen fleischfressenden Pflanzen zu füttern, aber menschliche Opfer blieben die Ausnahme. Das Aussterben der Tauben wurde kaum bedauert.

Der Gott des Meeres

Auch ein Gott ist nicht unfehlbar. Poseidon war sich seines aufbrausenden Temperaments durchaus bewusst. In der Hinsicht war er wie seine Lieblingstiere, die Pferde. Er spielte schon länger mit dem Gedanken, Pferde zu erschaffen, die im Wasser lebten. Vielleicht würde ihn ein solches Projekt entspannen. Ihm war klar, dass seine Reaktion auf diese betrunkenen Seemänner, die ihn beleidigt hatten, übertrieben war. Andererseits konnte er als Gott des Meeres doch wohl Respekt von den Menschen erwarten, die sein Revier nutzten. Nun, passiert ist passiert. Griechenland hat viele schöne Städte, da wird es kaum auffallen, dass dieses Atlantis nicht mehr da ist.

Die alte Frau und das Meer

Durch das Schaukeln des Schiffes war ihr ein wenig schwindelig, aber sie ließ sich nichts anmerken. Andererseits ignorierten die Männer sie ohnehin, wie sie dort an der Reling stand, mit ihren von  Arthritis zusammengekrümmten Fingern. Sie war unsichtbar. Nur eine alte Frau, die irgendwie das Geld für eine Überfahrt zusammengekratzt hatte. Sie schaute aufs Meer hinaus. Noch war der Wellengang für die erfahrenen Matrosen nicht der Rede wert. Die wenigen Wolken am Himmel mussten jedem harmlos erscheinen, der nicht wusste, was auf dem Zettel in ihrer rechten Hand stand. Es war nur ein Wort in einer sehr alten Sprache: Untergang.

Mondtag

Unter den Arbeitern kursierte ein Sprichwort: „Wenn du weißt, dass aus einem Wurmloch keine Insekten kommen, bist du qualifiziert.“ Wenn er sich jedoch einige seiner Mitreisenden ansah, bezweifelte er, dass sie selbst dieses Kriterium erfüllten. Jeden Morgen wurde er zusammen mit einem Haufen anderer Männer und Frauen in eine enge Raumfähre gesperrt und auf den Mond geschossen, um dort in den Minen zu arbeiten. Die Menschheit war weit gekommen, aber nicht so weit, jedem Menschen faire und würdevolle Arbeitsbedingungen zu bieten. Alle hassten den Mond. Er war kalt, öde und unfreundlich. Doch er brauchte das Geld. Sie alle brauchten es.

Mal was anderes

Mein „großer“ Bruder sah mich an, als wäre ich komplett verrückt geworden. Er war nicht wirklich größer als ich, wir waren alle keinen Meter groß, aber er lebte schon länger als ich. „Was ist das?“ fragte er mich und zeigte auf den Gegenstand in meiner Hand „und wo ist deine Spitzhacke?“ Seine Stimme klang schrill. „Ich habe getauscht“ erklärte ich zufrieden. „Ge…“ mein Bruder war fassungslos „du hast deine Spitzhacke gegen dieses Ding getauscht?“ Er sah jetzt aus, als würde er mich am liebsten an den nächsten Baum fesseln. Ich grinste: „Wer sagt denn, dass Zwerge keinen Dreizack haben dürfen?“

Die neue Realität

Früher, als die Welt noch so war, wie sie sein sollte, zählte er zu den Versagern. Er gehörte zu den Menschen, die nie etwas Besonderes taten, nichts gut konnten und keine Spuren hinterließen. Dies zu ändern hatte nur einer kleinen Zombie-Apokalypse bedurft. Seit Millionen von Untoten die letzten verbliebenen Menschen bedrohten, war er jemand. Er war ein Überlebender, ein Kämpfer, eine Zombietötungsmaschine. Gerade hatte er wieder zwei der Stinker erledigt. Als er sich zu seiner Gruppe umdrehte, verschwamm plötzlich alles vor seinen Augen. Er seufzte. Mehr als eine Stunde virtuelle Realität in der Woche konnte er sich leider nicht leisten.

Ersatzhelden

Im Nachhinein betrachtet war es wirklich keine gute Idee gewesen, alle aktiven Superhelden der Welt an einem Ort zu versammeln. Von jetzt auf gleich hatte die Menschheit ihre Beschützer, ihre Retter, ihre Legenden verloren. Die Politiker, die sich immer hinter den Helden verstecken konnten, mussten plötzlich mit einer Lösung kommen – und das beste, was ihnen eingefallen ist, sind wir. Die „Ersatzhelden“. So nennt uns zumindest die Presse und ich finde, dass ist noch ziemlich freundlich ausgedrückt. Oh, natürlich verfügen wir auch über Superkräfte, aber dazu haben wir noch diverse Phobien, Suchterkrankungen, Vorstrafen und Macken. Im Versagen sind wir echt super.

Kampf um Gold

Nach 200 Jahren Krieg herrschte eine gähnende Leere in der Staatskasse. Frotho hatte den Thron seines Vaters übernommen und damit auch eine tiefe Schuld gegenüber dem Volk geerbt, das so viele Opfer hatte bringen müssen. Nun war es an ihm, zu leiden. Schon viele Männer hatten sich dem Drachen gestellt, um an den riesigen Schatz zu kommen. Sie alle scheiterten auf die tragischste Weise. Es wird seiner ganzen Kraft und allen Mutes erfordern, sich dieser Herausforderung zu stellen. Eine Wahl blieb ihm nicht. So schrecklich, bösartig und gemein diese Frau auch war, er musste sie heiraten. Der Drache besaß Unmengen Gold.

Land in Sicht

Nach den vielen Wochen auf See waren die Männer völlig zermürbt. Als der lang ersehnte Ruf „Land in Sicht!“ aus dem Ausguck erklang, fühlten vom Kapitän bis zum Schiffsjungen alle große Erleichterung. Sie konnten es kaum erwarten, wieder festen Boden zu betreten. Doch er ließ sie nicht. Sie wussten nicht, was er war, aber er war riesig, viel größer als jedes menschliche Wesen, und er trug einen gigantischen Helm auf seinem Kopf. In manchen Momenten, wenn der Wind ihm frisch um die Nase wehte, glaubte der Kapitän, in dem Riesen nur eine Klippe mit einem runden Steinbrocken darauf zu erkennen.

Die Kinder des Schlafes

Jede Nacht schicke ich meine 100 Söhne aus, den Menschen das Fürchten zu lehren, sie an fremde Orte zu entführen, ihnen das Paradies zu zeigen, sie zu erinnern und ihnen einen Spiegel vorzuhalten. Ich bin der Schlaf und meine Söhne sind die Träume. Sie erscheinen den Menschen als Monster oder als geliebte Menschen, als bekannte Gesichter oder seltsame Fremde. Mal sind sie Tiere, mal Menschen, mal eine Mischung aus beidem. Sie können fliegen, unter Wasser atmen, rennen, springen und fallen. Sie sind frei oder gefangen, verhüllt oder nackt. Sie sind alles und nichts und keiner kennt ihre Namen. Sie sind unendlich.

Monster

Aus meinen Tränen der Angst waren längst Tränen der Wut geworden. Niemand wollte mir glauben, dass in meinem Schrank ein Monster lebte. Es sah aus wie eine riesige Schlange mit einem Kopf, aus dem lauter kleine Schlangen wuchsen. Ich hasste Schlangen. Wie konnte ich meine Familie nur überzeugen, dass ich nicht – wie hatte mein Papa es nochmal genannt – „fantasinierte“? Dann dachte ich daran, was mein großer Bruder mir erzählt hatte. Er sagte, dass ein Schlangenmonster niemals so gemein sein könnte wie der Schwarze Mann. Ich kannte den Schwarzen Mann nicht, aber vielleicht konnte er das Schlangenmonster ja für mich verjagen?

Das Ende

Er sprach noch immer aufgeregt in sein Telefon. Gelegentlich sah er mit verächtlichem Blick zu mir herüber, um mich dann wieder zu ignorieren. Ich biss in meinen Apfel und bemühte mich, besonders laut zu sein, was die erhoffte Wirkung zeigte. Er sah mich wieder voller Abscheu an. Schließlich beendete er sein Telefonat und kam mit langsamen Schritten auf mich zu. Er holte ein paar Mal Luft, ehe er sprach: „Also gut, ja, das ist das Ende des Regenbogens, ich bin ein Kobold und so weiter.“ Zufrieden warf ich meinen angebissenen Apfel ins Gebüsch: „Ich hätte mein Gold gerne in Dollar!“

Olympische Diskussion

„Was für eine erbärmliche Art, einen Krieg zu führen!“ Der Kriegsgott schnaubte angewidert „sich zu verstecken und den Gegner zu täuschen hat keine Ehre!“ Wie üblich schüttelte Athene den Kopf über ihren Bruder: „Wenn es nach dir ginge, Ares, würden die Menschen aufeinander einschlagen, bis keiner mehr steht. So gewinnt man Schlachten, aber keinen Krieg. Diese neue Idee ist brillant!“ Die Göttin der Weisheit lächelte traurig als sie anfügte: „Nur Schade, dass von der Stadt nicht mehr bleiben wird als ein Aschehaufen.“ Ihre Worte ließen Apollon aufhorchen. „Eine Verschwendung!“ seufzte der Gott der Künste „aber das Holzpferd ist ganz hübsch.“

Das Würfelspiel

Die letzten beiden Spiele hatte Edgar verloren. Wütend schüttelte er die Würfel in seiner Hand, während Maurice sein übliches, dummes Lächeln auf dem Gesicht hatte. „Wirfst du auch noch?“ fragte Maurice und grinste sogar noch ein bisschen dümmer, falls das überhaupt möglich war. Edgar wollte nicht wieder verlieren. Wenn es nur um Geld ginge, wäre er nicht so empfindlich, aber es ging um die Aufgabe. Wie jeden Abend saßen sie in dem dunklen Turm, durch den der Wind laut pfiff, und hielten Wache. Keine schöne, aber lohnende Arbeit. Wäre da nicht die Aufgabe. Diesmal musste er einfach gewinnen. Er warf.

Das Missgeschick des Zauberlehrlings

Er hatte eindeutig ein Problem. Ein ziemlich großes Problem sogar. Ein großes, starr vor sich hin blickendes, merkwürdig den Kopf bewegendes und – Oh Himmel! – leicht sabberndes Problem. Der Zauberlehrling  konnte nicht fassen, dass er tatsächlich seinen Meister in Hypnose versetzt hatte. Das war nicht seine Absicht gewesen, ganz und gar nicht. Verdammter Zauberstab! Sein Meister war jetzt nur noch eine leere Hülle, darauf wartend, zu sein oder zu tun, was auch immer der Lehrling ihm befehlen würde. Die Aussichten waren schon verlockend, das musste er zugeben. Er wünschte nur, es wäre nicht mitten in seiner Abschlussprüfung passiert. Das war übel.

Es war einmal alles besser

„Es macht einfach keinen Spaß mehr!“ Der Märchenprinz schüttelte betrübt den Kopf. „Früher waren die Frauen so dankbar, heute wollen sie sich alle selbst retten und wehe, du versuchst sie mit einem Kuss zu erlösen!“ Er nahm einen Schluck aus seinem Glas. „Rapunzel verlangt jetzt, dass ich eine Leiter mitbringe, Schneewittchen weigert sich, vergiftete Äpfel zu essen, die nicht aus biologischem Anbau sind, und Dornröschen kann nicht mehr ohne iPod schlafen.“ Erschöpft fuhr sich der Märchenprinz  mit der Hand durchs Haar.  „Man muss jetzt immer an so vieles denken, das schaffe ich gar nicht mehr. Vielleicht sollte ich Bösewicht werden.“

Ältere Beiträge

© 2018 drabble100

Theme von Anders NorénHoch ↑