Kategorie: Traurig (Seite 1 von 2)

Die Minuten danach

Sie fühlten sich leer, als hätte jemand alle Gedanken und alle Gefühle aus ihnen herausgesaugt. Nein, nicht gesaugt, gerissen.  Langsam setzte der Schmerz ein. Sie sahen einander in die Augen, suchten in den Blicken der anderen nach Antworten, nach Trost oder einfach nach einem Funken Hoffnung. Doch da war keiner. Sie hatten zusammen geschwitzt, geschrien, gelacht und gelitten. Jetzt gab es nichts mehr zu sagen. Das Schweigen hing schwer in der Luft. Ja, das Spiel war verloren. Einer von ihnen raffte kurz die Schultern, schob sich an den anderen vorbei und schaltete den Fernseher aus. Vorbei. Was läuft sonst noch?

Goodbye

Er winkt nicht und ich winke nicht. Ich stehe nur stumm am Fenster und blicke ihm hinterher. Regungslos, fassungslos. Wir hatten unsere Differenzen und er ist mir sehr oft im Weg gewesen, aber ich hatte mich an ihn gewöhnt. Er war ein vertrauter Anblick, eine Konstante, die sich nie veränderte. Nun verschwindet er. Einfach so. Ich würde ihn nun nicht mehr jeden Tag sehen, an ihm vorbeigehen, ihn bemerken und doch nicht bemerken. Ein komisches Gefühl. Ich höre letzte metallische Töne, dann ist es endgültig vorbei. Der Kran, der so lange vor meinem Fenster gestanden hatte, ist nicht mehr da.

Das Häuschen im Grünen

Wenn er die Augen schloss, war er gleich dort. Er konnte das sanfte Rascheln der Blätter im Wind hören, spürte das satte Gras unter seinen Füßen und sah das Glitzern der Sonne auf dem kleinen See. An diesem Ort, seinem Häuschen im Grünen, war er glücklich. Es gab keine anderen Menschen, keine hupenden Fahrzeuge, keine stickige Luft aus der Autoheizung. Sein Häuschen im Grünen blieb das ganze Jahr über perfekt. Es wuchs kein Unkraut, es regnete niemals und es wurde nicht dunkel. Wenn er an diesem Ort war, wollte er nicht wieder weg. Doch er musste. Er öffnete die Augen.

Der Hut

Jeden Morgen, wenn Melanie den Trödelladen betrat, in dem sie seit gut vier Jahren arbeitete, fiel ihr Blick zunächst auf den Filzhut. Er war im Laufe der Zeit durch den Raum gewandert, von der linken Seite, zur Mitte, zur rechten Seite und wieder zur Mitte. Doch egal, wo er gerade lag, Melanie sah ihn immer sofort. Er war langweilig, nicht schön genug, um sich für einen Retro-Look zu eignen und nicht hässlich genug für ein Kostüm. Sie hätte ihn schon längst aussortieren sollen, er würde sich nie verkaufen, aber auf seltsame Art vermittelte er ihr Geborgenheit. Er war immer da.

Der Reifensammler

„Aber wozu?“ Der junge Mann konnte es nicht verstehen. Kopfschüttelnd blickte er auf den Berg alter Reifen, der nur einer von vielen dieser Art auf dem Grundstück war. Herbert zuckte kaum merklich mit den Achseln: „Er mochte es halt“. Diese Worte schienen den Jungspund noch fassungsloser zu machen. Herbert beschloss, das Gespräch auf seine übliche Weise zu beenden: er ging einfach weg. Natürlich war es merkwürdig gewesen, dass der alte Josef bis kurz vor seinem Tod diese ganzen abgenutzten, wertlosen Reifen gesammelt hatte. Jetzt mussten sich seine Erben um die Entsorgung kümmern. Vielleicht war es doch gar nicht so merkwürdig.

Ende

Aus der Traum. Ende Gelände. Schicht im Schacht. Gerd fallen viele Redewendungen ein, um an das eine Wort nicht denken zu müssen: Versagen. Er hatte einen verrückten Traum gehabt und war damit auf die Nase gefallen. Er konnte jetzt den Handwerkern die Schuld geben, die ihn über einen Tisch gezogen haben, denn sie selbst nie im Leben zimmern könnten, oder der Bank, die ihm kein Geld mehr leihen wollte, obwohl er bei jedem verdammten Meeting eine Krawatte getragen hatte. Das half ihm aber auch nicht weiter. So viel ärmer er um Euros war, so viel reicher war er an Erfahrung.

Schatten

Ich blickte dem Rettungshubschauber hinterher, bis ich ihn nicht mehr am Horizont erkennen konnte. Es war ein strahlender Sonnentag im Juli. Vielleicht der schönste Tag des ganzen Jahres mit blauem Himmel und einer angenehmen Temperatur. Ein wirklich blöder Tag, um ohne nach links und rechts zu schauen mit dem Fahrrad über die Straße zu fahren und sich von einem Auto überrollen zu lassen. Ganz sicher war ich mir nicht, was gerade mit mir passierte, aber aus irgendeinem Grund stand ich hier in der warmen Sonne, während mein Körper in dem Hubschrauber war. Mir fiel auf, dass ich keinen Schatten warf.

Der Himmel weint

Wenn es regnet, bewegt sich die Welt plötzlich schneller. Die Menschen gehen nicht, sie rennen. Zu ihren Autos, ins Haus oder einfach unter das nächste Dach. Hannah widersteht dem Drang, ins Trockene zu flüchten. Während alles um sie herum in Bewegung ist, setzt sie kaum einen Fuß vor den anderen. Die Regentropfen prasseln auf ihren Schulranzen und bedecken jeden Zentimeter ihrer Jacke. Sie denkt an das Foto. Ihre Mutter hat es ausgesucht, es soll vergrößert werden, um aufgestellt zu werden. Neben den Sarg. Mehr war von ihrer Oma nicht geblieben. Ein Foto. Seit ihre Oma gestorben ist, regnet es unaufhörlich.

Absturz

Wenn du 17 bist und dir die Erwachsenen ständig erzählen, wie weit du es noch bringst wirst und wie viele Sterne du dir selbst vom Himmel holen kannst, glaubst du es so sehr, dass es eine Selbstverständlichkeit für dich wird. Du kannst dir nicht mehr vorstellen, dass es nicht so kommt, dass du auf dem Weg nach oben falsch abbiegen könntest. Ich habe die deutlichen Warnzeichen ignoriert. Als es nicht mehr lief, war ich nicht entschlossen genug, das Ruder herumzureißen. Ich hatte verlernt, für mich selbst zu kämpfen. Jetzt sind die Stadien klein, die Anzeigetafeln analog und der Schiedsrichter hat Übergewicht.

Die Gezeichneten

Es war Mittwochabend und das hieß Gruppentreffen. Wenn ich Gruppentreffen sage, dann meine ich drei Stunden in der Gesellschaft von acht Menschen, die voller Kummer, Wut, Scham und Verzweiflung waren. Ein Dutzend Menschen, die ihren Körper hassten. Sie nannten sich selbst „Die Gezeichneten“. Das war nicht meine Idee gewesen, als Gruppenleiter hätte ich so etwas nie vorgeschlagen. Andererseits war ich auch ein „Ungezeichneter“. Ich hatte mir nie ein Tattoo stechen lassen, das ich jetzt bitterlich bereute, das mein Selbstwertgefühl verletzte und in mir das Bedürfnis weckte, mich regelmäßig mit Gleichgesinnten auszutauschen. Die Gruppe war kostenlos, im Gegensatz zu einer Tattoo-Entfernung.

Preiselbeer unter der Dusche

Emma war die Stille nicht mehr gewohnt. In den letzten Monaten hatte ihr Telefon ständig geklingelt, sie bekam unentwegt Besuch, jeder wollte etwas von ihr. Auch wenn sie gewusst hatte, dass dieser Rummel nicht ewig anhalten würde, spürte sie eine seltsame Leere. Sie griff nach dem Buch – „Preiselbeer unter der Dusche“. Dieser Titel war durch einen Online-Generator entstanden, aber das wussten ihre Leser natürlich nicht. Der Verlag hatte vehement darauf bestanden, dass sie sich eine Entstehungsgeschichte für den Titel ausdenkt. Als wäre ein 324-seitiger Roman an sich nicht schon Fiktion genug. Bald würden die Fragen nach einem neuen Werk kommen.

Eine schmerzhafte Wunde

Er war so unglaublich tapfer. Obwohl er sicher große Schmerzen hatte, gab er keinen Laut von sich. Seine Augen hatten denselben lieben Ausdruck wie immer. „Er braucht Hilfe!“ Meine Stimme war ganz leise, ich fand es nicht richtig, laut zu sein. Laut wurde ich nur, wenn ich sauer war und ich war nicht sauer. Ich war traurig. Mit einer Hand strich ich ihm über den Kopf. „Du musst jetzt stillhalten“ flüsterte ich ihm zu. Die Nadel war klein, trotzdem schluckte ich bei ihrem Anblick. Meine Mutter lächelte mich an: „Keine Sorge!“ Dann nähte sie die Wunde an Teddys Arm zu.

Das traumhafte Sofa

„Ah!“ Der Schrei hallte durch das Treppenhaus. Das volle Gewicht des Sofas zog nun an meinen Armen und zwang mich dazu, es los zu lassen. Das teure Möbelstück krachte dumpf auf die Treppenstufen. „Was ist passiert?“ brüllte Tim von unten, in seiner Stimme die Besorgnis um sein geliebtes Sofa. „Ich habe mir den Rücken verrenkt!“ jammerte Mark und lehnte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an die Wand. Er warf mir einen hilfesuchenden Blick zu. Ich öffnete den Mund, als sich plötzlich die Perspektive änderte. Ich stand jetzt an Marks Position und spürte einen brutalen Schmerz im Rücken. Schreiend wachte ich auf.

Ein Pirat trinkt Rum

„Oh, du bist ein Pirat!“ Onkel Frank lachte schallend, obwohl Piraten eigentlich nicht zum Lachen waren. Ich schob meine Augenklappe nach oben, um ihn besser sehen zu können, aber Onkel Frank zog sie gleich wieder runter. „Ohne Augenklappe bist du doch kein richtiger Pirat!“ rief er laut. Es gefiel mir nicht, wie er roch. „Weißt du, was du noch brauchst, um ein richtiger Pirat zu sein?“ fragte er, während er sich zu mir hinunter beugte: „eine Flasche Rum!“ Er lachte wieder: „ein Pirat trinkt Rum!“ Ich wusste nicht, was Rum war, aber ich hoffte, dass es nicht wie Tee schmeckte.

Der Steg

Viele Bretter fehlten und jene, die noch da waren, wirkten morsch und verwittert. Der Steg, von dem aus ich als Kind über das Wasser geschaut hatte, existierte nicht mehr. Zurückgeblieben war nur ein sterbendes Konstrukt, das zu betreten Lebensgefahr bedeutete. Ich ging in die Knie und strich über die vordersten Bretter. Es stellte sich kein Gefühl der Vertrautheit ein, schließlich hatte ich diese Bretter nie zuvor berührt. Ich war immer nur auf ihnen  gelaufen, am liebsten in meinen Sandalen. Die Erinnerung trieb mir Tränen in die Augen. Ich richtete mich auf und wandte mich um. Langsam unterschrieb ich die Abrissgenehmigung.

Der Spielplatz

Sie waren in der Nacht gekommen. Einige der Erwachsenen hatten Geräusche gehört, aber sich nicht viel dabei gedacht. Niemand hatte nachgesehen. Für die Kinder war der Anblick dieser riesigen Holzbalken, die wild durcheinander auf dem leerem Grundstück lagen, atemberaubend. Sie verstanden nicht alles, was die Erwachsenen sagten, aber offenbar hatten fremde Menschen dieses Holz einfach abgeladen und waren dann verschwunden. Einige der Kinder waren etwas ängstlich, aber die meisten spürten große Begeisterung. Sie hatten plötzlich ihren eigenen Spielplatz. Sie konnten klettern, balancieren, drunter und drüber kriechen. Der fremde Geruch des Holzes störte sie nicht. Dann wurde das erste Kind krank.

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