Die Minuten danach

Sie fühlten sich leer, als hätte jemand alle Gedanken und alle Gefühle aus ihnen herausgesaugt. Nein, nicht gesaugt, gerissen.  Langsam setzte der Schmerz ein. Sie sahen einander in die Augen, suchten in den Blicken der anderen nach Antworten, nach Trost oder einfach nach einem Funken Hoffnung. Doch da war keiner. Sie hatten zusammen geschwitzt, geschrien, gelacht und gelitten. Jetzt gab es nichts mehr zu sagen. Das Schweigen hing schwer in der Luft. Ja, das Spiel war verloren. Einer von ihnen raffte kurz die Schultern, schob sich an den anderen vorbei und schaltete den Fernseher aus. Vorbei. Was läuft sonst noch?

Der Graf und sein Kreuz

Sie wollten, dass er Reue spürte, aber er empfand nur Wut. Jeden Tag musste er auf dieses Kreuz blicken und seinen unbändigen Drang unterdrücken, es einfach aus dem Boden zu reißen. Dass sie ihn, den Grafen, dazu gezwungen hatten, es aufzustellen, war ein Skandal. Er überlegte oft, wie er sich rächen konnte, ohne das ganze Volk gegen sich aufzubringen. Dieses dumme, egoistische Volk, für das er so viel tut! Hat er nicht die Steuern gesenkt? Da ist ihm einmal ein Pfeil verrutscht und hat jemanden getroffen. Das Kreuz konnte daran auch nichts mehr ändern. Es passte nicht zu den Rosen.

Zum Muttertag

Mütter sind engagiert, mutig, leidenschaftlich, übermüdet, traurig, glücklich, besorgt, fröhlich, beherzt, ängstlich, tapfer, geschickt, zuverlässig, genervt, flott. Sie können kochen, nähen, stricken, backen, abwaschen, einkaufen, singen, erzählen, schimpfen, telefonieren, vorlesen, basteln, wischen, streicheln, trösten, malen. Gleichzeitig. Sie verzichten auf Schlaf, Freizeit, Hobbys, Freundschaften, Wellness, Karriere, Glastische, Urlaub, Luxus, Geld.  Sie nehmen es auf mit überfluteten Badezimmern, minütlich wechselnden Essenswünschen, öffentlichen Wutanfällen, Schokoflecken auf T-Shirts, streitenden Geschwistern, verschwundenen Spielzeugen, ungemachten Betten, tausenden Warum-Fragen. Täglich. Sie haben Ahnung, Witz, Glück Pech, Stärken, Schwächen, Meinungen, Recht. Sie bekommen kein Geld, selten Dankbarkeit, wenig Aufmerksamkeit, kaum Verständnis. Mütter bleiben die beste Erfindung der Welt.

 

Der Job

Ich bin ein Schaf. Dessen war ich mir ziemlich sicher, auch wenn ich noch nie in einen Spiegel gesehen habe. Als Schaf sollte ich nicht arbeiten müssen, denn ich werde nicht bezahlt. Man sollte keine Leistungen von mir erwarten, schließlich ist meine Dummheit sogar sprichwörtlich. Trotzdem habe ich einen Job und bin verdammt gut darin. Ich mähe Rasen. Dazu brauche ich keinen Motor, kein Treibstoff und niemanden, der mich ein- und ausschaltet. Ich mähe den ganzen Tag. Dafür erwarte ich keine Dankbarkeit, denn ich tue es gerne. Meine Kollegen sehen dies ähnlich, denke ich. Wir sprechen selten miteinander.

Goodbye

Er winkt nicht und ich winke nicht. Ich stehe nur stumm am Fenster und blicke ihm hinterher. Regungslos, fassungslos. Wir hatten unsere Differenzen und er ist mir sehr oft im Weg gewesen, aber ich hatte mich an ihn gewöhnt. Er war ein vertrauter Anblick, eine Konstante, die sich nie veränderte. Nun verschwindet er. Einfach so. Ich würde ihn nun nicht mehr jeden Tag sehen, an ihm vorbeigehen, ihn bemerken und doch nicht bemerken. Ein komisches Gefühl. Ich höre letzte metallische Töne, dann ist es endgültig vorbei. Der Kran, der so lange vor meinem Fenster gestanden hatte, ist nicht mehr da.

Plötzlich Sommer

Hektisches Durchsuchen des Schrankes nach den T-Shirts. Endlich kann die Winterjacke in die Wäsche, sie riecht auch schon ein bisschen. Oh, laut diesem zerknitterten Zettel in der Tasche hatte ich vor 27 Tagen einen Zahnarzttermin. Jetzt schnell die Gartenmöbel auf die Terrasse tragen. Waren das nicht letztes Jahr mehr Stühle? Die Gefriertruhe ist voller Fischstäbchen, aber nirgendwo Eiswürfel. Apropos Eis: Ist noch genügend Banane für Milchshake da? Wärme ist gar nicht mal so gut für Obst. Die ersten Fruchtfliegen steigen empor. Draußen zwitschern die Vögel. Ein Rasenmäher springt an, dann noch einer und noch einer. Alle wachen auf. Plötzlich ist Sommer.

Der Gott des Meeres

Auch ein Gott ist nicht unfehlbar. Poseidon war sich seines aufbrausenden Temperaments durchaus bewusst. In der Hinsicht war er wie seine Lieblingstiere, die Pferde. Er spielte schon länger mit dem Gedanken, Pferde zu erschaffen, die im Wasser lebten. Vielleicht würde ihn ein solches Projekt entspannen. Ihm war klar, dass seine Reaktion auf diese betrunkenen Seemänner, die ihn beleidigt hatten, übertrieben war. Andererseits konnte er als Gott des Meeres doch wohl Respekt von den Menschen erwarten, die sein Revier nutzten. Nun, passiert ist passiert. Griechenland hat viele schöne Städte, da wird es kaum auffallen, dass dieses Atlantis nicht mehr da ist.

How to survive Freitag der 13.

Regel Nr. 1: Herabfallenden Klavieren ist unbedingt auszuweichen. Auch wenn sie harmlos aussehen, sie sind extrem tödlich.

Regel Nr. 2: Wenn du beim Einkaufen den letzten Kopfsalat oder das einzig übrige Nutella-Glas entdeckst, halte dich fern. Es ist garantiert eine Falle!

Regel Nr. 3: Menschen, die dir weismachen wollen, dass Freitag der 13 eigentlich ein Glückstag ist, versuchen nur, an deine Facebook-Daten zu kommen.

Regel Nr. 4: Sich selbst in Watte einzupacken ist gefährlich. Watte kratzt und wird schnell dreckig.

Regel Nr. 5: Fremde Häuser sollten nur rückwärts mit einer Hand auf dem Kopf und geschlossenen Augen betreten werden. So wird man nicht als Bedrohung wahrgenommen.

Wie gemalt

In der rechten Hand hielt er ein Buch, in der linken Hand einen Apfel. Das Buch hatte Seiten, aber keine Buchstaben und der Apfel war aus Wachs. Auch sonst verhielt sich die gesamte Situation grotesk. Die Tatsache, dass er splitternackt war, störte ihn eigentlich noch am wenigsten. Ob er wohl kurz seufzen durfte oder würde das die Künstlerin aus dem Konzept bringen? Wäre das absurd teure Bild dann ruiniert? Er beschloss, es darauf ankommen zu lassen und atmete geräuschvoll aus. Keine Reaktion. Die Künstlerin schien gerade mit einem delikaten Teil beschäftigt zu sein. Er versuchte, an etwas Großes zu denken.

Schweinegrippe

Überall ist sie in aller Munde. Man hört davon in den Nachrichten, man liest darüber in den Zeitungen.

Aber ich kriegs einfach nicht. Ich kann mir Mett, halb Rind, halb Schwein, Zentimeter dick aufs Brötchen schmieren. Ich bekomme weder lila Flecken, noch ringelt sich mein Schwänzchen. Auch die Hühnerpest ist an mir vorbeigeflogen, ohne dass ich Eier gelegt hätte. Was mache ich bloß falsch? Ich habe mich mit aktiven Erregern impfen lassen. Ich war im Urlaub an der Schweinebucht, lass mich auf jeden Kuhhandel ein, telefoniere täglich mit der Hotline im Bundesgesundheitsministerium. Es passiert einfach nix.

Ich werd noch wahnsinnig.

 

(Dank an Franco Bollo von quergefönt.de)

Die alte Frau und das Meer

Durch das Schaukeln des Schiffes war ihr ein wenig schwindelig, aber sie ließ sich nichts anmerken. Andererseits ignorierten die Männer sie ohnehin, wie sie dort an der Reling stand, mit ihren von  Arthritis zusammengekrümmten Fingern. Sie war unsichtbar. Nur eine alte Frau, die irgendwie das Geld für eine Überfahrt zusammengekratzt hatte. Sie schaute aufs Meer hinaus. Noch war der Wellengang für die erfahrenen Matrosen nicht der Rede wert. Die wenigen Wolken am Himmel mussten jedem harmlos erscheinen, der nicht wusste, was auf dem Zettel in ihrer rechten Hand stand. Es war nur ein Wort in einer sehr alten Sprache: Untergang.

Armer reicher Junge

Seit Nicks Eltern Mitglied in diesem neuen, schicken Country-Club waren, verbrachten sie zusammen jedes Wochenende dort. Kinder waren zwar erwünscht, allerdings nur so lange man möglichst wenig von ihnen sah. Daher „durften“ Nick und seine so genannten Spielkameraden an Aktivitäten teilnehmen.  Heute war es Rudern. Nick fand Ruder nöde. Er trieb mit dem kleinen Boot einfach nur auf dem See. Er stellte sich vor, wie die Erwachsenen zusammen saßen und ihr Geld zählten. Er konnte es kaum erwarten, wieder nach Hause zu kommen, um weiter an seinem geheimen Projekt zu arbeiten: seiner Laserkanone. Er würde sie nicht verkaufen. Aber benutzen.

Das Automobil

Ich liebte dieses Automobil über alles. Keiner meiner Freunde oder Nachbarn besaß ein eigenes motorisiertes Fahrzeug und ich genoss ihre bewundernden Blicke auf mein kraftvolles Schätzchen jedes Mal. Nur Heidi, meine Verlobte, zeigte sich immer betont gleichgültig, wenn ich sie abholte, dabei wurde sie von all ihren Freundinnen aufs Schärfste beneidet. Deren Verehrer waren durchweg unmotorisiert. Mehr noch als Heidis Mangel an Bewunderung störten mich freilich ihre seltsamen Aussagen. Sie fand unsere langen Spazierfahrten langweilig und meinte erst kürzlich zu mir, dass in Zukunft alle Automobile ein Radio haben würden. Das war eine Schnapsidee. Frauen verstehen einfach nichts von Autos.

Frohe Ostern!

Endlich geschafft! Alle Ostereier sind verteilt, in Gärten, in Parks, in Wohnungen und in Häuser. Er störte nicht gerne die Privatsphäre der Menschen, aber als Osterhase hatte er nun einmal einen Job zu erledigen. Wie jedes Lebewesen auf Erden war er natürlich auch ein bisschen neugierig. Was die Menschen so in ihren Schubladen, im Schrank und unter dem Bett versteckten interessierte ihn schon. Ganz zu schweigen vom Keller, der Garage und dem Dachboden. Dort verteilte er zwar keine seiner bunten Eier, aber ein oder zwei Blicke zu riskieren konnte ja nicht schaden. Wenn er schon mal da war … Frohe Ostern!

Gründonnerstag: A oder B?

Es ist Gründonnerstag, später Vorabend. Du musst noch einkaufen, so wie viele andere, ach was, alle anderen Menschen auch. Du bist müde, hast keinen Bock mehr und dein Magen knurrt. Wenn hättest du lieber vor dir in der Schlange an der Kasse?

A) Die Frau mit dem Kleingeld. Sie muss einen krummen Betrag zahlen und bei Gott, sie will es passend geben und wenn sie dazu in ihr  Portemonnaie  klettern muss!

B) Der seltsame Mann. Er will mit Karte zahlen, aber in welcher der sechs Brieftaschen, die er zufällig dabei hat, ist seine Karte und wie war nochmal die Nummer?

Mondtag

Unter den Arbeitern kursierte ein Sprichwort: „Wenn du weißt, dass aus einem Wurmloch keine Insekten kommen, bist du qualifiziert.“ Wenn er sich jedoch einige seiner Mitreisenden ansah, bezweifelte er, dass sie selbst dieses Kriterium erfüllten. Jeden Morgen wurde er zusammen mit einem Haufen anderer Männer und Frauen in eine enge Raumfähre gesperrt und auf den Mond geschossen, um dort in den Minen zu arbeiten. Die Menschheit war weit gekommen, aber nicht so weit, jedem Menschen faire und würdevolle Arbeitsbedingungen zu bieten. Alle hassten den Mond. Er war kalt, öde und unfreundlich. Doch er brauchte das Geld. Sie alle brauchten es.

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