Fauler Hund

Jedes Mal, wenn einer der Zweibeiner an mir vorbeiläuft, strömt mir dieser Geruch in die Nase. Ich nenne ihn „Hektik“.  Er riecht ein wenig metallisch und knistert in der Luft.  Manchmal enthält er Spuren von Erde, fast immer hat er eine Plastiknote. Dieser Geruch bringt mich zum Gähnen. Wenn ich dann mein Maul aufreiße, bleiben die Menschen für einen Moment stehen und sehen mich an. Ihr Geruch verändert sich für einen ganz kleinen Augenblick. Sie lächeln fast. Doch dann gehen sie weiter. Der Geruch kehrt zurück und ist das Einzige, was von ihnen bleibt, wenn sie lange schon verschwunden sind.

Nummer 5

Es fehlte. Nummer 1 war da, Nummer 2 sowieso, in Nummer 3 hatte sie sich schon verguckt und Nummer 4 tat ihr förmlich in den Augen weh, doch Nummer 5 konnte sie nicht entdecken. „Was ist los?“ Ihr Chef tauchte hinter ihr auf wie der Teufel, von dem niemand gerne spricht. Er hatte seine Lieblingswaffe, sein Klemmbrett, dabei. „Das Bild Nr. 5“ fehlt erklärte sie, um eine feste Stimme bemüht. Ihr Chef studierte das Papier auf seinem Klemmbrett. „Fruchtbarkeit!“ erklärte er.  Das musste der Name des fehlenden Kunstwerkes sein, doch aus seinem Mund klang das Wort absurd, wie eine Art von Ausschlag. Sie musste Fruchtbarkeit finden.

Überstunden

Zwischen Januar und November habe ich den besten Job der Welt. Es kommen kaum Anfragen rein, die Werkstatt liegt ruhig da, alle sind entspannt. Der Chef lässt sich so gut wie nie blicken. Im Dezember aber bricht ein Hurrikan über uns herein. Jedes Jahr wieder. Die Briefe kommen säckeweise, jede Maschine in der Werkstatt brummt, knurrt und quietscht. Der Duft von Zimt mischt sich mit dem Geruch von Öl, Klebstoff und Schweiß. Ich kann schon seit Jahrzehnten keine Plätzchen mehr essen, ohne das Zahnräder vor meinem geistigen Auge auftauchen. So ist das, wenn man in der einzigen offiziellen Weihnachtswerkstatt arbeitet.

Die Aufgabe

Die Sichel am Himmel schien so schwach, dass die Bezeichnung „Mondlicht“ ein unangemessenes Kompliment gewesen wäre. Wind kam auf. Willy bemühte sich redlich, den Schweiß, der kalte Spuren auf seinem Rücken hinterließ, nicht zu beachten. Er war müde, seine Hände warfen Blasen und er musste wirklich wahnsinnig dringend pinkeln.  Doch er konnte nicht aufhören, ehe es nicht fertig war. Sie beobachteten ihn. Gerade jetzt konnte er sie nicht sehen, aber er wusste, dass sie da waren. Seit er das Vogelhaus versehentlich zerstört hatte, ließen ihn die geflügelten Biester nicht mehr in Ruhe. Mit dem neuen Vogelhaus würde er sie besänftigen.

Ein Drache im Wind

Mein rechter Arm wurde müde, daher griff ich mit der linken Hand nach der Schnur. Sie war fest, schließlich kontrollierte ich sie immer sorgfältig. Zufrieden blickte ich nach oben und beobachtete den Drachen, der im Wind seinen Tanz aufführte. Er war wunderschön. Fast hypnotisch wirkten seine Bewegungen. Mir kamen plötzlich Zweifel, ob mein linker Arm stark genug war, den Drachen zu halten. Vielleicht sollte ich beide Arme benutzen, auch wenn dies unbeholfen wirkt. Meine Konzentration ließ wirklich nur für einen kurzen Augenblick nach. Die Schnur entglitt mir und mit ihr der Drache. Wenig später hörte ich die ersten Dorfbewohner schreien.

Brotzeit

Um Punkt Sechzehn Uhr musste das Brot auf dem Tisch stehen. Selbstgebacken, natürlich. Frisch noch dazu. Hermann bestand seit dreißig Jahren darauf. Seit verfluchten dreißig Jahren! Inzwischen hießen ihre Glühbirnen „Energiesparlampen“, die Telefone waren klug wie Computer und die Computer klein wie Telefone, aber Hermann bestand wie eh und je auf seiner verdammten Brotzeit.  Erna hatte es satt. Nicht das Brot, ihr Brot war einfach vorzüglich, aber Hermanns Unbeweglichkeit ging ihr gewaltig auf die Nerven. Es würde heute wieder eine Brotzeit geben, mit selbstgebackenem Brot, ganz frisch. Nur eine Zutat würde anders sein: bisher hatte sie noch nie Rattengift verwendet.

Max & Marvin

Sie spazierten nebeneinander über den Bürgersteig, den warmen Asphalt unter ihren Füßen. Max genoss die Geräusche und Gerüche der Stadt, die ihm so vertraut waren. Unbeschwert nickte er den Menschen zu, die ihnen begegneten. Die meisten ignorierten ihn, aber das war ihm egal. Diese Achtlosigkeit gab ihm Sicherheit. Er wusste, dass man ihn in Ruhe ließ. Marvin erging es ganz anders. Er kam vom Land, war erst seit Kurzem in der Stadt und traute sich nicht, Max von der Seite zu weichen. Diese vielen Menschen machten ihm Angst. Wo er herkam, wagten sich Tauben nicht so nahe an Menschen heran.

*Piep*

„Dieser verdammte *Piep*!“ Jürgen versetzte der Hupe einen festen Schlag, als könne er damit auch den Typen treffen, der ihn gerade halsbrecherisch überholt hatte. „Die fahren hier wie die gesengten *Piep*, diese *Piep*! Verdammte *Piep*!“ Es war niemand mit ihm im Wagen, der ihm hätte zustimmen können, aber auch keiner, der seine Schimpftirade unterbrach. „Ich habe es auch eilig, aber ich fahre deswegen nicht wie der letzte *Piep*!“ Jürgen versuchte wieder zur Ruhe zu kommen. Wenn ihm jetzt noch jemand dumm kam, konnte er für nichts mehr garantieren. Zumindest, das musste er zugeben, funktionierte die neue Zensur-Funktion seines Navis ausgezeichnet.

Die Wissenschaft hat festgestellt

Die klügsten Köpfe des Planeten haben sofort gemutmaßt, dass die mysteriösen Meteoriteneinschläge, die durch jedes Warnsystem der Erde  geschlüpft waren und die Menschheit völlig überrascht hatten, Auswirkungen auf die Umwelt haben würden. In den Boulevardzeitungen überall auf der Welt erschienen Horrorprophezeiungen von Zombiebienen, ungenießbarem Wasser, Menschen mit sechs Armen und einer auf ewig verdunkelten Sonne. Die meisten dieser Meldungen waren paranoider Unsinn, den Experten nicht einmal kommentierten. Die Wissenschaft konnte die Leute schließlich beruhigen. Natürlich stellte es ein gewisses Problem da, die gigantischen fleischfressenden Pflanzen zu füttern, aber menschliche Opfer blieben die Ausnahme. Das Aussterben der Tauben wurde kaum bedauert.

Ein Tag im Jahrzehnt

2. August 1932. Dienstag. Ich warte darauf, dass etwas passiert. Heute ist mein erster Tag als Nachrichtenreporter des „Schwaaber Blattes“, der größten Zeitung im Umkreis von 100 Kilometern. Es juckt mir in den Fingern. Die Sonne scheint, es weht kein Lüftchen. Ich spaziere schon seit zwei Stunden am Ufer entlang, in der Hoffnung, auf etwas zu stoßen. Vielleicht mal wieder eine Wasserleiche, die hatten wir lange nicht mehr. Badeunfälle ereignen sich sowieso kaum noch, das war vor einigen Jahren völlig anders. Bin ich etwa zu spät dran? Werden die 1930er Jahre das langweiligste Jahrzehnt seit langem? Ich hätte vermutlich doch Polizist werden sollen.

Seid ihr alle da?

„Okay!“ Der Mann auf der kleinen Bühne hakte zufrieden einen weiteren Punkt seiner Liste ab. Ruhig ließ er seinen Blick über die Menge streifen, die redend und lachend zusammenstand. Es waren wieder viele gekommen. Er räusperte sich, um erneut die Aufmerksamkeit der Leute zu erhalten. Seine Stimme war so tief und eindringlich, dass er kein Mikrofon brauchte: „Jetzt bitte alle mit Handsäge ‚Hier“ rufen!“  Es erklangen augenblicklich mehrere Stimmen. Der Mann nickte und ließ seinen Kugelschreiber wieder über das Papier gleiten, um einen weiteren Haken zu setzen. Sie kamen schnell voran. Das alljährliche Treffen der Serienmörder war immer ausgezeichnet organisiert.

Der ständige Alarm

Bakterien. Sie sind überall. Man kann sie nicht sehen, nicht hören und nicht riechen, aber sie sind immer da. Ich weiß es. Ihre bloße Existenz verursacht ein stetiges Summen in meinem Kopf.  Meine Gedanken sind wie ein Feuermelder, der immer Alarm schlägt. Achtung, ein benutztes Handtuch! Warnung, der Telefonhörer könnte kontaminiert sein! Warum kann ich nicht aufhören, an sie zu denken? Mein Leben bietet so viel mehr. So viel mehr, das sie mir wegnehmen wollen. Die verdammten Bakterien. Sie fressen mich von innen auf, egal was die Bluttests sagen. Ich will, dass die Bakterien sterben. Ich muss sie töten. Alle.

Die Minuten danach

Sie fühlten sich leer, als hätte jemand alle Gedanken und alle Gefühle aus ihnen herausgesaugt. Nein, nicht gesaugt, gerissen.  Langsam setzte der Schmerz ein. Sie sahen einander in die Augen, suchten in den Blicken der anderen nach Antworten, nach Trost oder einfach nach einem Funken Hoffnung. Doch da war keiner. Sie hatten zusammen geschwitzt, geschrien, gelacht und gelitten. Jetzt gab es nichts mehr zu sagen. Das Schweigen hing schwer in der Luft. Ja, das Spiel war verloren. Einer von ihnen raffte kurz die Schultern, schob sich an den anderen vorbei und schaltete den Fernseher aus. Vorbei. Was läuft sonst noch?

Der Graf und sein Kreuz

Sie wollten, dass er Reue spürte, aber er empfand nur Wut. Jeden Tag musste er auf dieses Kreuz blicken und seinen unbändigen Drang unterdrücken, es einfach aus dem Boden zu reißen. Dass sie ihn, den Grafen, dazu gezwungen hatten, es aufzustellen, war ein Skandal. Er überlegte oft, wie er sich rächen konnte, ohne das ganze Volk gegen sich aufzubringen. Dieses dumme, egoistische Volk, für das er so viel tut! Hat er nicht die Steuern gesenkt? Da ist ihm einmal ein Pfeil verrutscht und hat jemanden getroffen. Das Kreuz konnte daran auch nichts mehr ändern. Es passte nicht zu den Rosen.

Zum Muttertag

Mütter sind engagiert, mutig, leidenschaftlich, übermüdet, traurig, glücklich, besorgt, fröhlich, beherzt, ängstlich, tapfer, geschickt, zuverlässig, genervt, flott. Sie können kochen, nähen, stricken, backen, abwaschen, einkaufen, singen, erzählen, schimpfen, telefonieren, vorlesen, basteln, wischen, streicheln, trösten, malen. Gleichzeitig. Sie verzichten auf Schlaf, Freizeit, Hobbys, Freundschaften, Wellness, Karriere, Glastische, Urlaub, Luxus, Geld.  Sie nehmen es auf mit überfluteten Badezimmern, minütlich wechselnden Essenswünschen, öffentlichen Wutanfällen, Schokoflecken auf T-Shirts, streitenden Geschwistern, verschwundenen Spielzeugen, ungemachten Betten, tausenden Warum-Fragen. Täglich. Sie haben Ahnung, Witz, Glück Pech, Stärken, Schwächen, Meinungen, Recht. Sie bekommen kein Geld, selten Dankbarkeit, wenig Aufmerksamkeit, kaum Verständnis. Mütter bleiben die beste Erfindung der Welt.

 

Der Job

Ich bin ein Schaf. Dessen war ich mir ziemlich sicher, auch wenn ich noch nie in einen Spiegel gesehen habe. Als Schaf sollte ich nicht arbeiten müssen, denn ich werde nicht bezahlt. Man sollte keine Leistungen von mir erwarten, schließlich ist meine Dummheit sogar sprichwörtlich. Trotzdem habe ich einen Job und bin verdammt gut darin. Ich mähe Rasen. Dazu brauche ich keinen Motor, kein Treibstoff und niemanden, der mich ein- und ausschaltet. Ich mähe den ganzen Tag. Dafür erwarte ich keine Dankbarkeit, denn ich tue es gerne. Meine Kollegen sehen dies ähnlich, denke ich. Wir sprechen selten miteinander.

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