Schlagwort: Buch

Wie gemalt

In der rechten Hand hielt er ein Buch, in der linken Hand einen Apfel. Das Buch hatte Seiten, aber keine Buchstaben und der Apfel war aus Wachs. Auch sonst verhielt sich die gesamte Situation grotesk. Die Tatsache, dass er splitternackt war, störte ihn eigentlich noch am wenigsten. Ob er wohl kurz seufzen durfte oder würde das die Künstlerin aus dem Konzept bringen? Wäre das absurd teure Bild dann ruiniert? Er beschloss, es darauf ankommen zu lassen und atmete geräuschvoll aus. Keine Reaktion. Die Künstlerin schien gerade mit einem delikaten Teil beschäftigt zu sein. Er versuchte, an etwas Großes zu denken.

Mein schärfster Kritiker

Ich war im Tunnel. Meine Finger flogen ungebremst über die Tastatur, das rhythmische Klicken erfüllte mein Arbeitszimmer. Die Buchstaben tanzten vor meinen Augen, ich musste sie nicht sehen, ich hatte die ganze Geschichte im Kopf. Wie aus der Ferne nahm ich eine Stimme wahr. Langsam drang sie zu mir durch: „Kommen Roboter vor?“ Meine Finger erlahmten. „Was?“ fragte ich meinen Sohn verwirrt. „Kommen in deinem neuen Buch Roboter vor?“ wiederholte er. „Nein. Es geht um einen Arzt, der …“ Ich blickte in die Augen des Vierjährigen. „Es geht um einen Alienkönig, der Planeten in die Luft jagt!“ Mein schärfster Kritiker war überzeugt.

Der König und sein Schreiber

In seinem Reich herrschte Frieden und Wohlstand. Den Menschen ging es gut, sie mussten keine Kriege, keine Hungersnot und keine Vertreibung befürchten. Der König könnte glücklich sein, wäre ihm nicht geradezu schmerzhaft langweilig. Er ließ seinen Schreiber zu sich kommen, einen Mann von vollkommener Humorlosigkeit, der über alle Vorgänge im Palast im Bilde war. „Was gibt es zu berichten?“ fragte der König ihn leicht hoffnungsvoll. Der Schreiber blickte in das Buch, das er immer mit sich führte, ehe er antwortete: „Es sind zwei Gläser zu Bruch gegangen, euer Majestät. Ich habe alles notiert.“ Der König wünschte, er könnte jemanden köpfen.

Preiselbeer unter der Dusche

Emma war die Stille nicht mehr gewohnt. In den letzten Monaten hatte ihr Telefon ständig geklingelt, sie bekam unentwegt Besuch, jeder wollte etwas von ihr. Auch wenn sie gewusst hatte, dass dieser Rummel nicht ewig anhalten würde, spürte sie eine seltsame Leere. Sie griff nach dem Buch – „Preiselbeer unter der Dusche“. Dieser Titel war durch einen Online-Generator entstanden, aber das wussten ihre Leser natürlich nicht. Der Verlag hatte vehement darauf bestanden, dass sie sich eine Entstehungsgeschichte für den Titel ausdenkt. Als wäre ein 324-seitiger Roman an sich nicht schon Fiktion genug. Bald würden die Fragen nach einem neuen Werk kommen.

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