Schlagwort: Ich (Seite 2 von 4)

Besuch beim Arzt

Der junge Arzt, ich schätzte ihn auf Anfang oder Mitte 30, sah erst mich an, dann die Akte in seiner Hand, daraufhin wieder mich und schließlich erneut die Akte. Die Reaktion überraschte mich nicht. Manchmal machte ich mir einen Spaß daraus, neue Ärzte aus der Fassung zu bringen, aber heute war mir nicht danach. Mein Kopf hämmerte. „Ich brauche etwas gegen Kopfschmerzen“ erklärte ich ganz sachlich. Freilich brachte ihn das auch aus dem Konzept. Niemand würde je vermuten, dass ich wegen meines Kopfes in einer Arztpraxis war. Mein Kopf sah völlig normal aus. Er war nicht grün oder hatte scharfe Krallen.

Blaulichter

Als ich in die Straße einbog, tanzten sofort unzählige Blaulichter vor meinen Augen. Ich spürte, wie mich die Emotionen überwältigten. Ich war beunruhigt, ängstlich, nervös und absolut erleichtert. Endlich hatten sie seine Leiche gefunden! Seit geschlagenen drei Tagen wartete ich bereits darauf. Meinen ehemaligen Geschäftspartner hatte die letzten 72 Stunden offenbar niemand vermisst. Das wunderte mich nicht besonders. Der Saturn bekam mehr Besuch als dieser Mann. Im Vorbeifahren warf ich einen Blick auf die Polizeiautos. Mein Herz setzte für einen Moment aus, als ich realisierte, dass sie vor dem falschen Haus standen. Fassungslos drehte ich mich um. Dann krachte es markerschütternd.

Ersatzhelden

Im Nachhinein betrachtet war es wirklich keine gute Idee gewesen, alle aktiven Superhelden der Welt an einem Ort zu versammeln. Von jetzt auf gleich hatte die Menschheit ihre Beschützer, ihre Retter, ihre Legenden verloren. Die Politiker, die sich immer hinter den Helden verstecken konnten, mussten plötzlich mit einer Lösung kommen – und das beste, was ihnen eingefallen ist, sind wir. Die „Ersatzhelden“. So nennt uns zumindest die Presse und ich finde, dass ist noch ziemlich freundlich ausgedrückt. Oh, natürlich verfügen wir auch über Superkräfte, aber dazu haben wir noch diverse Phobien, Suchterkrankungen, Vorstrafen und Macken. Im Versagen sind wir echt super.

Shit!

Es war nicht sehr wahrscheinlich und das Ziel lag bereits in Sichtweite, aber so ganz wollte ich die Hoffnung nicht aufgeben, dass doch noch ein Komet den Schulbus trifft. Das käme mir wirklich äußerst gelegen. Ich hatte mal wieder vergessen, für den Vokabeltest zu lernen – und mit vergessen meine ich, dass ich lieber ferngesehen habe. Jetzt war ich auf dem direkten Weg, einen weiteren Nagel in den Sarg zu schlagen, der mein Halbjahreszeugnis war. „Shit“ nannte man das, bis dahin reichte mein Englisch. Meine Klassenlehrerin, die mich auf den Tod nicht ausstehen konnte, wird sich freuen. Wenigstens eine ist glücklich.

Schatten

Ich blickte dem Rettungshubschauber hinterher, bis ich ihn nicht mehr am Horizont erkennen konnte. Es war ein strahlender Sonnentag im Juli. Vielleicht der schönste Tag des ganzen Jahres mit blauem Himmel und einer angenehmen Temperatur. Ein wirklich blöder Tag, um ohne nach links und rechts zu schauen mit dem Fahrrad über die Straße zu fahren und sich von einem Auto überrollen zu lassen. Ganz sicher war ich mir nicht, was gerade mit mir passierte, aber aus irgendeinem Grund stand ich hier in der warmen Sonne, während mein Körper in dem Hubschrauber war. Mir fiel auf, dass ich keinen Schatten warf.

Hände hoch

Die Sonnenstrahlen fielen unbarmherzig auf uns herab. In der kargen, von der Hitze ausgedörrten Landschaft bildeten wir seltene Farbflecken. Ich, die Frau und der Mann mit der Waffe. Regungslos und stumm stand ich mit erhobenen Armen da. Eigentlich hatte ich mit der ganzen Sache nichts zu tun, ich war nur ein unfreiwilliger Beobachter. Der Mann fuchtelte wild mit dem Revolver, was mich ernsthaft befürchten ließ, dass mich jeden Moment ein Querschläger treffen könnte. Die Frau fiel auf die Knie und versuchte, den Mann zu besänftigen. Helfen konnte ich ihr nicht. Ich war nur ein Kaktus in der verdammten Wüste Nevadas.

Liebe auf den ersten Blick

Wir wussten beide, dass es nicht gut enden würde. Okay, ich wusste es. Eigentlich hatte ich Tanja nur in die Zoohandlung begleitet, um ihr beim Tragen des Tierfutters zu helfen, das sie für ihre Katzen brauchte.  Jetzt konnte ich meinen Blick nicht mehr von dem Aquarium wenden. Dieser eine Fisch. Er war etwas klein geraten im Vergleich zu den anderen, aber seine Persönlichkeit überstrahlte die seiner Brüder und Schwestern bei weitem. Ich musste ihn haben. Wir würden beide unglücklich werden, er vermutlich mehr als ich, aber es führte kein Weg daran vorbei. Wo die Liebe hinfiel, da machte es Platsch.

Manche Verbrechen lohnen sich

Ich war ein Dieb. Heimtückisch und verschlagen. Ich hatte einem Menschen etwas gestohlen, das ihm viel bedeutete. Er würde weinen, garantiert sogar. Jetzt stand ich mitten im Wald und grub ein Loch, um die Beute zu verstecken. Gut fühlte ich mich nicht, mir war kalt und ich war müde, aber Reue empfand ich keine. Im Grunde war es Notwehr. Nicht nur ich, jeder normale Mensch in der Nachbarschaft spürte körperlichen Schmerz, wenn der jüngste Sohn der Klostermanns auf dem verdammten Saxophon zu spielen begann. Es klang wie eine übermüdete Katze, die mit einem erkälteten Huhn stritt. Das Saxophon musste weg.

Die Kinder des Schlafes

Jede Nacht schicke ich meine 100 Söhne aus, den Menschen das Fürchten zu lehren, sie an fremde Orte zu entführen, ihnen das Paradies zu zeigen, sie zu erinnern und ihnen einen Spiegel vorzuhalten. Ich bin der Schlaf und meine Söhne sind die Träume. Sie erscheinen den Menschen als Monster oder als geliebte Menschen, als bekannte Gesichter oder seltsame Fremde. Mal sind sie Tiere, mal Menschen, mal eine Mischung aus beidem. Sie können fliegen, unter Wasser atmen, rennen, springen und fallen. Sie sind frei oder gefangen, verhüllt oder nackt. Sie sind alles und nichts und keiner kennt ihre Namen. Sie sind unendlich.

So zerbrechlich

Ich hielt sie in meinen Händen wie einen kostbaren Schatz. Natürlich kostete sie nur 7,99 Euro und sollte zudem noch heruntergesetzt werden, aber es war mein erster Tag als Aushilfskraft im Geschenkeladen und ich wollte wirklich nicht damit beginnen, eine selten hässliche Glasrose zu zerbrechen. Die meisten Produkte in den Regalen waren, freundlich ausgedrückt, unnötiger Kram, den man verschenkte, weil einem nichts besseres einfiel oder das Bessere zu teuer war. Mir konnte das egal sein, ich brauchte den Job. Daher würde ich jede Ware mit sprichwörtlichen Samthandschuhen anfassen. Zumindest, bis ich wusste, wo hier eigentlich der Handfeger und das Kehrblech sind.

Warten macht keine Freude

Um Punkt 17.00 Uhr wollten wir uns an seinem Wagen treffen. Ich war da, das Auto war da, nur von Jimmy fehlte weit und breit jede Spur.  Meine Frustration stieg so schnell wie die Temperaturen fielen. Vermutlich würde ich mir eine Blasenentzündung einfangen. Wo steckte Jimmy? Genervt holte ich mein Smartphone aus der Tasche, um Jimmy wieder einmal hinterher zu telefonieren. Ich war noch mit meiner Tastensperre befasst, als sich mir ein alter Mann oder „älterer Herr“, wie ich in der Öffentlichkeit sagen würde, näherte. Er war ein bisschen außer Atem: „Schreiben Sie auch eine Straße weiter auf?“ Ich war bedient.

Glück im Spiel

Ich war immer der Letzte, der die Kabine verließ und aufs Spielfeld kam. Immer. Meine Mannschaftskollegen dachten, dass ich abergläubisch wäre und länger zurückblieb, damit es uns Glück brachte. Das war natürlich Quatsch. Weder war ich abergläubisch, noch ging es um etwas so profanes wie Glück im Spiel. Keiner meiner Mannschaftskollegen ahnte, in welcher Gefahr sie waren. Ich hielt die Lampe vor ihnen versteckt. Sie lag in meiner Sporttasche, mit Handtüchern umwickelt . Sobald ich alleine in der Kabine war, packte ich sie aus und rieb sie. So wehrte ich den Fluch ab. Nie wieder würde ein Blitz ins Spielfeld einschlagen.

Schwere Entscheidung

Es war früher Abend, durch das geöffnete Fenster waberte der Geruch von gegrilltem Fleisch herein und ich saß hier mit der Wahl zwischen Pest und Cholera. Ich wollte beides nicht. Da aber nun einmal eine Entscheidung fallen musste, holte ich mir den Würfel aus der Monopoly-Packung und erklärte: „Wenn ich eins, zwei oder drei werfe, nehme ich den Regenbogen, bei vier, fünf oder sechs nehme ich die Sternschnuppe. Alles klar?“ Meine kleine Schwester nickte lächelnd. Selbstverständlich konnte sie noch gar nicht zählen, aber solange ich am Ende eines der beiden Bilder ausmalte, war ihr alles recht. Sie konnte nur gewinnen.

Philosophie eines Sportlehrers

Bevor ich Sportlehrer wurde, war ich ein sehr ehrlicher Mensch. Ich hielt mit meiner Meinung selten hinter dem Berg. Heute verfolge ich eine Philosophie der schmerzfreien Lüge, denn die Wahrheit tut zu sehr weh. Ich sage dem kleinen Carsten nicht, dass er dem Ball hinterher schnaubt wie eine asthmatische Dampflok und ich lasse Lina nicht anmerken, dass sie das Vorbild der Phrase „wie ein Mädchen werfen“ ist. Ich weiß, dass auf die Kinder, die ich unterrichte, noch viele Enttäuschungen warten, da müssen sie nicht wissen, dass sie die Koordination betrunkener Pinguine haben. Ich lache nur manchmal sehr lange. Oder weine.

Absturz

Wenn du 17 bist und dir die Erwachsenen ständig erzählen, wie weit du es noch bringst wirst und wie viele Sterne du dir selbst vom Himmel holen kannst, glaubst du es so sehr, dass es eine Selbstverständlichkeit für dich wird. Du kannst dir nicht mehr vorstellen, dass es nicht so kommt, dass du auf dem Weg nach oben falsch abbiegen könntest. Ich habe die deutlichen Warnzeichen ignoriert. Als es nicht mehr lief, war ich nicht entschlossen genug, das Ruder herumzureißen. Ich hatte verlernt, für mich selbst zu kämpfen. Jetzt sind die Stadien klein, die Anzeigetafeln analog und der Schiedsrichter hat Übergewicht.

Noch ein Erinnerungsfoto

Er machte das nächste Bild von mir. „Mit dem Boot im Hintergrund“ wie er betonte. Innerlich stieß ich einen Seufzer aus. Wir hatten 1932, da war ein Foto von einem Boot nun wirklich keine Besonderheit mehr. Mein Mann war einfach besessen von seiner Kamera. Ich meinerseits konnte es kaum erwarten, sie auf seinem Schädel zu zertrümmern. Nein, mahnte ich mich selbst, das sollte ich besser nicht tun. So viel mehr gab es ja nicht zu erben. Oh ja, und wie ich bald erben würde! Diese Reise war die perfekte Gelegenheit. Mein Plan stand seit Monaten. „Noch ein Erinnerungsfoto?“ fragte er mich.

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