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Die alte Frau und das Meer

Durch das Schaukeln des Schiffes war ihr ein wenig schwindelig, aber sie ließ sich nichts anmerken. Andererseits ignorierten die Männer sie ohnehin, wie sie dort an der Reling stand, mit ihren von  Arthritis zusammengekrümmten Fingern. Sie war unsichtbar. Nur eine alte Frau, die irgendwie das Geld für eine Überfahrt zusammengekratzt hatte. Sie schaute aufs Meer hinaus. Noch war der Wellengang für die erfahrenen Matrosen nicht der Rede wert. Die wenigen Wolken am Himmel mussten jedem harmlos erscheinen, der nicht wusste, was auf dem Zettel in ihrer rechten Hand stand. Es war nur ein Wort in einer sehr alten Sprache: Untergang.

Armer reicher Junge

Seit Nicks Eltern Mitglied in diesem neuen, schicken Country-Club waren, verbrachten sie zusammen jedes Wochenende dort. Kinder waren zwar erwünscht, allerdings nur so lange man möglichst wenig von ihnen sah. Daher „durften“ Nick und seine so genannten Spielkameraden an Aktivitäten teilnehmen.  Heute war es Rudern. Nick fand Ruder nöde. Er trieb mit dem kleinen Boot einfach nur auf dem See. Er stellte sich vor, wie die Erwachsenen zusammen saßen und ihr Geld zählten. Er konnte es kaum erwarten, wieder nach Hause zu kommen, um weiter an seinem geheimen Projekt zu arbeiten: seiner Laserkanone. Er würde sie nicht verkaufen. Aber benutzen.

Das Automobil

Ich liebte dieses Automobil über alles. Keiner meiner Freunde oder Nachbarn besaß ein eigenes motorisiertes Fahrzeug und ich genoss ihre bewundernden Blicke auf mein kraftvolles Schätzchen jedes Mal. Nur Heidi, meine Verlobte, zeigte sich immer betont gleichgültig, wenn ich sie abholte, dabei wurde sie von all ihren Freundinnen aufs Schärfste beneidet. Deren Verehrer waren durchweg unmotorisiert. Mehr noch als Heidis Mangel an Bewunderung störten mich freilich ihre seltsamen Aussagen. Sie fand unsere langen Spazierfahrten langweilig und meinte erst kürzlich zu mir, dass in Zukunft alle Automobile ein Radio haben würden. Das war eine Schnapsidee. Frauen verstehen einfach nichts von Autos.

Frohe Ostern!

Endlich geschafft! Alle Ostereier sind verteilt, in Gärten, in Parks, in Wohnungen und in Häuser. Er störte nicht gerne die Privatsphäre der Menschen, aber als Osterhase hatte er nun einmal einen Job zu erledigen. Wie jedes Lebewesen auf Erden war er natürlich auch ein bisschen neugierig. Was die Menschen so in ihren Schubladen, im Schrank und unter dem Bett versteckten interessierte ihn schon. Ganz zu schweigen vom Keller, der Garage und dem Dachboden. Dort verteilte er zwar keine seiner bunten Eier, aber ein oder zwei Blicke zu riskieren konnte ja nicht schaden. Wenn er schon mal da war … Frohe Ostern!

Gründonnerstag: A oder B?

Es ist Gründonnerstag, später Vorabend. Du musst noch einkaufen, so wie viele andere, ach was, alle anderen Menschen auch. Du bist müde, hast keinen Bock mehr und dein Magen knurrt. Wenn hättest du lieber vor dir in der Schlange an der Kasse?

A) Die Frau mit dem Kleingeld. Sie muss einen krummen Betrag zahlen und bei Gott, sie will es passend geben und wenn sie dazu in ihr  Portemonnaie  klettern muss!

B) Der seltsame Mann. Er will mit Karte zahlen, aber in welcher der sechs Brieftaschen, die er zufällig dabei hat, ist seine Karte und wie war nochmal die Nummer?

Mondtag

Unter den Arbeitern kursierte ein Sprichwort: „Wenn du weißt, dass aus einem Wurmloch keine Insekten kommen, bist du qualifiziert.“ Wenn er sich jedoch einige seiner Mitreisenden ansah, bezweifelte er, dass sie selbst dieses Kriterium erfüllten. Jeden Morgen wurde er zusammen mit einem Haufen anderer Männer und Frauen in eine enge Raumfähre gesperrt und auf den Mond geschossen, um dort in den Minen zu arbeiten. Die Menschheit war weit gekommen, aber nicht so weit, jedem Menschen faire und würdevolle Arbeitsbedingungen zu bieten. Alle hassten den Mond. Er war kalt, öde und unfreundlich. Doch er brauchte das Geld. Sie alle brauchten es.

Kauf uns!

„Hierher, guck doch, hierher!“ Die Gummibärchen schrien mit ihren quietschigen Stimmen aus vollem Hals. Ich versuchte sie zu ignorieren. Leider waren jetzt alle wach. Die Gummi-Schlümpfe sangen das penetrante Lied ihrer Zeichentrick-Pendants, die Tierkekse brüllten, fauchten und zischten, doch die meisten Geräusche waren gar nicht im Einzelnen auszumachen. Sie waren einfach nur laut. Ich wollte mich beherrschen, ich musste mich beherrschen. Zum Glück war kein Weihnachten, die Schoko-Weihnachtsmänner waren verdammt gute Redner. Ich dachte an andere leckere Dinge. An Obst. Oh ja, Obst war gut. Warum nur sprach das Obst nicht zu mir? Es war so still, so verdammt still.

Das Häuschen im Grünen

Wenn er die Augen schloss, war er gleich dort. Er konnte das sanfte Rascheln der Blätter im Wind hören, spürte das satte Gras unter seinen Füßen und sah das Glitzern der Sonne auf dem kleinen See. An diesem Ort, seinem Häuschen im Grünen, war er glücklich. Es gab keine anderen Menschen, keine hupenden Fahrzeuge, keine stickige Luft aus der Autoheizung. Sein Häuschen im Grünen blieb das ganze Jahr über perfekt. Es wuchs kein Unkraut, es regnete niemals und es wurde nicht dunkel. Wenn er an diesem Ort war, wollte er nicht wieder weg. Doch er musste. Er öffnete die Augen.

Freaks

Es war alles bereitet für einen großen Abend. Einen großen Abend in einem weiteren Provinzkaff in Illinois, dessen Name er sich nicht merken konnte. Seine Zaubershow war das Highlight des reisenden Jahrmarktes, wenngleich die Zeitungen meist nur über die Freakshow berichteten, über die bärtige Frau, die Siamesischen Zwillinge und natürlich Anton, den „Stärksten Mann der Welt“, dessen wuchtiges Brüllen gerade wieder alle Buden auf dem Platz erzittern ließ. Sämtliche Gespräche verstummten augenblicklich. Der Zauberer drehte sofort um und machte sich auf den Weg zu seinem Wohnwagen, um den Verbandskasten zu holen. Der stärkte Mann der Welt war ein riesiger Tollpatsch.

Drei Dinge

Das war absurd. Ich starrte auf die drei Dinge, die vor mir auf dem Tisch lagen: ein Globus, an dem ein Kabel mit einem Stecker hing, was wohl bedeutete, dass er gleichzeitig eine Lampe war, ein runder, schwarzer Magnet, mit dem man Notizen an eine Wand heften kann, und ein Tennisball, der aussah wie frisch aus der Verpackung genommen. „Was soll ich damit anfangen?“ fragte ich die Frau mit der Stoppuhr. Sie antwortete nicht. „Ist das irgendein schräger Persönlichkeitstest?“ Sie ignorierte mich weiter. Vielleicht sollte ich ihr den Tennisball einfach an den Kopf werfen. Einen besseren Plan hatte ich nicht.

Immer im Einsatz

Eigentlich müssten überall Blaulichter sein, doch es war vollkommen dunkel. Langsam seilte ich mich die Felswand hinab, um das abgestürzte Flugzeug zu erreichen. Ich konnte es kaum ausmachen, doch ich bemerkte seine merkwürdige Form. Es erinnerte mich an einen Teller oder eine Untertasse. Wo waren meine Kollegen? Für einen solchen Einsatz reichte ein Mann nicht aus. Plötzlich wurde es hell. Unter meinen Füßen erschien ein Wirbel aus Licht. Dieser Anblick kam mir bekannt vor. Als ich nach oben blickte, sah ich die Erde. Keinen Sandboden, sondern den Planeten Erde. Da begriff ich. Es war kein Einsatz, ich schlief und träumte.

Der Praktikant

Vermutlich hatte er so eben einen neuen Rekord aufgestellt. Dies war bereits sein fünfter Tag im Praktikum und er hatte noch gar nichts gemacht. Kein einziges Blatt kopiert, keinen Kaffee gekocht, keinen Papierkorb geleert. Er war der nutzloseste Praktikant aller Zeiten und das machte ihn verdammt stolz. Den ganzen Tag versteckte er sich in irgendeinem Raum, der gerade frei war, und blieb völlig unsichtbar.  Aus den Augen, aus dem Sinn. Er war ein Geist, da und doch nicht da, auf keinem Radar zu erkennen, ohne feste Materie. Er fand das durchaus sehr beachtlich, immerhin war es die Firma seines Vaters.

Mal was anderes

Mein „großer“ Bruder sah mich an, als wäre ich komplett verrückt geworden. Er war nicht wirklich größer als ich, wir waren alle keinen Meter groß, aber er lebte schon länger als ich. „Was ist das?“ fragte er mich und zeigte auf den Gegenstand in meiner Hand „und wo ist deine Spitzhacke?“ Seine Stimme klang schrill. „Ich habe getauscht“ erklärte ich zufrieden. „Ge…“ mein Bruder war fassungslos „du hast deine Spitzhacke gegen dieses Ding getauscht?“ Er sah jetzt aus, als würde er mich am liebsten an den nächsten Baum fesseln. Ich grinste: „Wer sagt denn, dass Zwerge keinen Dreizack haben dürfen?“

Bis ins Mark

In meinen Adern brannte der Zorn. Mit weit aufgerissenen Augen starte ich ihn an, mein Atem ging schwer. Als einziges Geräusch durchbrach ein leises Klicken die bedrohliche Stille. Als er sich bewegte, fletschte ich die Zähne. Das Schlachtermesser lag locker in meiner rechten Hand und gab mir doch ein Gefühl der Macht. Ich kniff meine Augen nun eng zusammen, um ihn besser sehen, jede seiner Bewegungen wahrnehmen zu können. Ich atmete tief ein und … „Britta, entspann dich!“ Der Fotograf lugte hinter seiner Kamera hervor: „wir fotografieren dich nur halsabwärts, du musst diese ganzen Grimassen nicht schneiden.“ Ich vergeudete mein Talent.

Stets bemüht

Rechtschreibung und Grammatik sind in Ordnung, das kann ich ihm aber nicht sagen. Es würde viel zu gönnerhaft klingen. Ich muss etwas Nettes über die Handlung äußern, irgendwas. Im Kopf gehe ich nochmal alles durch. Seine Geschichte beginnt mit einem alten Mann, der vergisst, seine Brille zum Pilze sammeln mit zu nehmen und daher versehentlich zu giftigen Pilzen greift. Soweit so gut, nur etwas erstaunlich, dass er ohne Brille keine Pilze unterscheiden, aber sicher durch den Wald laufen und wieder nach Hause fahren kann, wo er dann die giftigen Pilze zubereitet, statt dort endlich seine Brille aufzusetzen … irgendwas Positives. Irgendwas.

Der Hut

Jeden Morgen, wenn Melanie den Trödelladen betrat, in dem sie seit gut vier Jahren arbeitete, fiel ihr Blick zunächst auf den Filzhut. Er war im Laufe der Zeit durch den Raum gewandert, von der linken Seite, zur Mitte, zur rechten Seite und wieder zur Mitte. Doch egal, wo er gerade lag, Melanie sah ihn immer sofort. Er war langweilig, nicht schön genug, um sich für einen Retro-Look zu eignen und nicht hässlich genug für ein Kostüm. Sie hätte ihn schon längst aussortieren sollen, er würde sich nie verkaufen, aber auf seltsame Art vermittelte er ihr Geborgenheit. Er war immer da.

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