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Preiselbeer unter der Dusche

Emma war die Stille nicht mehr gewohnt. In den letzten Monaten hatte ihr Telefon ständig geklingelt, sie bekam unentwegt Besuch, jeder wollte etwas von ihr. Auch wenn sie gewusst hatte, dass dieser Rummel nicht ewig anhalten würde, spürte sie eine seltsame Leere. Sie griff nach dem Buch – „Preiselbeer unter der Dusche“. Dieser Titel war durch einen Online-Generator entstanden, aber das wussten ihre Leser natürlich nicht. Der Verlag hatte vehement darauf bestanden, dass sie sich eine Entstehungsgeschichte für den Titel ausdenkt. Als wäre ein 324-seitiger Roman an sich nicht schon Fiktion genug. Bald würden die Fragen nach einem neuen Werk kommen.

Angst machen

Sie würde am Abend ganz alleine in der halb verfallenen Hütte sein. Während eines Gewitters. Er konnte sich gut vorstellen, wie sie bei jedem Blitz zusammenzucken wird. In seinem Kopf malte er sich all die Möglichkeiten aus, sie zu erschrecken. Er freute sich darauf, sie richtig in Angst zu versetzen, ihr einen Schauer nach dem anderen über den Rücken zu jagen. In seiner Fantasie war sie bereits ein Häufchen Elend. Er dachte an Wolfsgeheul in der Ferne und plötzliches Klopfen an der Tür. Seine Gedanken kreisten immer wilder. Er konnte es wirklich kaum noch erwarten, die Geschichte endlich zu schreiben.

Der Angriff

Hektisch rüttelte sie an dem Schlüssel, der sich völlig im Schloss verhakt hatte. Das passierte bei ihrer Haustür häufig, aber in diesem Moment war es das schlimmste, was ihr widerfahren konnte. Sie spürte die Bedrohung in ihrem Nacken.  Er kam näher, nur langsam zwar, aber unbestreitbar direkt auf sie zu. Panik überfiel sie. Für einen Moment dachte sie daran, das Feuerzeug in ihrer Tasche als Waffe zu benutzen, aber das erschien ihr gleich darauf lächerlich. Endlich löste sich der Schlüssel, aber die Tür blieb verschlossen. Jetzt war es zu spät. Er war neben ihr, berührte sie leicht. Dieser widerliche Käfer.

Die Künstlerin

Wie an jedem Tag um diese Zeit saß Kerstin an dem kleinen Springbrunnen und zeichnete. Während sie den Bleistift über das Papier bewegte, entstanden in ihrem Kopf unzählige Bilder. Bilder von Fallschirmen am Himmel, die ein buntes Mosaik bildeten, von Blüten, die im Wind tanzten, von Wellen, die Treibholz mit sich trugen. Sie zeichnete immer schneller, der Bleistift kratzte laut auf dem Papier. Einige Passanten wollten einen Blick auf ihr Kunstwerk erhaschen, aber sie wusste das zu verhindern. Niemand sollte wissen, dass die Bilder in ihrem Kopf nur in ihrem Kopf blieben. Sie zeichnete nie etwas anderes als weinende Gesichter.

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