Kategorie: Frech (Seite 2 von 3)

Gänseblümchen

Die Menschen ärgern sich oft, wenn sie uns sehen, aber sie würden sich noch viel mehr ärgern, wenn sie uns hören könnten. Meine Schwestern lieben es zu lästern. Den ganzen Tag und die ganze Nacht tuscheln sie miteinander. Ich bin mittendrin, ob ich will oder nicht. Nur wenigen Gänseblümchen ist das Glück vergönnt, Einzelkinder zu sein. Wir gelten nicht als schön und wir sind selten willkommen, das befreit uns davon, nett und anständig sein zu müssen. Jede Rose würde augenblicklich ihre Blüten verlieren, müsste sie uns zuhören. Meine Schwestern mögen eingepflanzte Rosen gar nicht. Nur Rasenmäher hassen sie noch mehr.

Besuch beim Arzt

Der junge Arzt, ich schätzte ihn auf Anfang oder Mitte 30, sah erst mich an, dann die Akte in seiner Hand, daraufhin wieder mich und schließlich erneut die Akte. Die Reaktion überraschte mich nicht. Manchmal machte ich mir einen Spaß daraus, neue Ärzte aus der Fassung zu bringen, aber heute war mir nicht danach. Mein Kopf hämmerte. „Ich brauche etwas gegen Kopfschmerzen“ erklärte ich ganz sachlich. Freilich brachte ihn das auch aus dem Konzept. Niemand würde je vermuten, dass ich wegen meines Kopfes in einer Arztpraxis war. Mein Kopf sah völlig normal aus. Er war nicht grün oder hatte scharfe Krallen.

Shit!

Es war nicht sehr wahrscheinlich und das Ziel lag bereits in Sichtweite, aber so ganz wollte ich die Hoffnung nicht aufgeben, dass doch noch ein Komet den Schulbus trifft. Das käme mir wirklich äußerst gelegen. Ich hatte mal wieder vergessen, für den Vokabeltest zu lernen – und mit vergessen meine ich, dass ich lieber ferngesehen habe. Jetzt war ich auf dem direkten Weg, einen weiteren Nagel in den Sarg zu schlagen, der mein Halbjahreszeugnis war. „Shit“ nannte man das, bis dahin reichte mein Englisch. Meine Klassenlehrerin, die mich auf den Tod nicht ausstehen konnte, wird sich freuen. Wenigstens eine ist glücklich.

Der Profi

Felix war ein verdammt guter Fußballspieler und Basketballcrack noch dazu. Er wusste genau, wie man einen Ball schießen oder werfen musste, um einen Volltreffer zu landen. Er besaß ein untrügliches Gespür für Richtungswechsel und Geschwindigkeit, konnte die Bewegungen seiner Gegenspieler perfekt voraussehen und wusste immer genau, wo seine Mitspieler stehen. In der Theorie. In der Praxis bekam er von Sportschuhen sofort schmerzhafte Blasen an den Zehen, hasste es wie die Pest zu schwitzen und verfiel in Panik, wenn ein Ball direkt auf ihn zuflog. Seine Lieblingsposition war die des Zeugwarts. Niemand konnte ihm da das Wasser reichen. Er reichte es.

Lange Schlange

Eine lange Schlange war im Supermarkt an einem Samstagvormittag nicht wirklich außergewöhnlich, aber dieses bräunliche, leicht gelblich schimmernde Reptil hier in der Obstabteilung zu sehen war doch eine Überraschung. Melissa kannte sich nicht mit Schlangen aus, daher konnte sie die Art nicht bestimmen, aber sie war sich ziemlich sicher, dass das Reptil irgendjemandes Haustier ist und ausgebüxt war. Jetzt lag die Schlange mit einem bei näherer Betrachtung recht gelangweilten Blick auf den Boskoop Äpfeln und rührte sich kaum. Melissa spürte keine Angst, im Gegensatz zu dem Mann, der leichenblass neben ihr stand. Er könnte einen Apfel jetzt verdammt gut gebrauchen.

Liebe auf den ersten Blick

Wir wussten beide, dass es nicht gut enden würde. Okay, ich wusste es. Eigentlich hatte ich Tanja nur in die Zoohandlung begleitet, um ihr beim Tragen des Tierfutters zu helfen, das sie für ihre Katzen brauchte.  Jetzt konnte ich meinen Blick nicht mehr von dem Aquarium wenden. Dieser eine Fisch. Er war etwas klein geraten im Vergleich zu den anderen, aber seine Persönlichkeit überstrahlte die seiner Brüder und Schwestern bei weitem. Ich musste ihn haben. Wir würden beide unglücklich werden, er vermutlich mehr als ich, aber es führte kein Weg daran vorbei. Wo die Liebe hinfiel, da machte es Platsch.

Mein schärfster Kritiker

Ich war im Tunnel. Meine Finger flogen ungebremst über die Tastatur, das rhythmische Klicken erfüllte mein Arbeitszimmer. Die Buchstaben tanzten vor meinen Augen, ich musste sie nicht sehen, ich hatte die ganze Geschichte im Kopf. Wie aus der Ferne nahm ich eine Stimme wahr. Langsam drang sie zu mir durch: „Kommen Roboter vor?“ Meine Finger erlahmten. „Was?“ fragte ich meinen Sohn verwirrt. „Kommen in deinem neuen Buch Roboter vor?“ wiederholte er. „Nein. Es geht um einen Arzt, der …“ Ich blickte in die Augen des Vierjährigen. „Es geht um einen Alienkönig, der Planeten in die Luft jagt!“ Mein schärfster Kritiker war überzeugt.

Die neue Wohnung

Der Umzug in die neuen Wohnung sollte für Manuel ein Startschuss sein. Jetzt lebte er einen Alptraum. Ständig erhielt er diese seltsamen Anrufe. Diesmal war es eine junge, weibliche Stimme, die nervös klang. „Herr Bergmann? “ fragte sie. „Ja, Bergmann hier“ erwiderte er wenig freundlich. Er ahnte bereits Böses.  „Ich wollte nachfragen, wann wir mit dem Buch rechnen können?“ erklang  wieder ihre zögerliche Stimme. „Welches Buch?“ fragte er genervt. „Das Buch über die …“ Sie zögerte „Sachen im Rathaus. Die Sexsachen.“ Manuel legte auf. Es vergingen noch Wochen, bis er erfuhr, dass der Vormieter ebenfalls Bergmann hieß – und Autor für Pornofilme war.

Die Entdeckung des Jahrhunderts

Wir hatten das Ganze nicht wirklich gut durchdacht. Andererseits waren wir auch erst neun Jahre alt. Was konnte man da erwarten? Wir hatten die Idee, einen Dinosaurier zu finden. Keinen lebenden, denn wir wussten natürlich, dass die ausgestorben waren. Unser Ziel war es, dass Skelett eines Dinosauriers auszugraben, um reich und berühmt zu werden, auch wenn keiner von uns wusste, von wem wir Geld dafür bekommen würden. Wir hatten alle eigene Schaufeln dabei, außer Bastian. Er hatte aus der Garage seiner Eltern eine Axt mitgebracht. Das würde Ärger geben. Zum Glück regnete es. Man konnte im Regen kein Skelett suchen.

So zerbrechlich

Ich hielt sie in meinen Händen wie einen kostbaren Schatz. Natürlich kostete sie nur 7,99 Euro und sollte zudem noch heruntergesetzt werden, aber es war mein erster Tag als Aushilfskraft im Geschenkeladen und ich wollte wirklich nicht damit beginnen, eine selten hässliche Glasrose zu zerbrechen. Die meisten Produkte in den Regalen waren, freundlich ausgedrückt, unnötiger Kram, den man verschenkte, weil einem nichts besseres einfiel oder das Bessere zu teuer war. Mir konnte das egal sein, ich brauchte den Job. Daher würde ich jede Ware mit sprichwörtlichen Samthandschuhen anfassen. Zumindest, bis ich wusste, wo hier eigentlich der Handfeger und das Kehrblech sind.

Warten macht keine Freude

Um Punkt 17.00 Uhr wollten wir uns an seinem Wagen treffen. Ich war da, das Auto war da, nur von Jimmy fehlte weit und breit jede Spur.  Meine Frustration stieg so schnell wie die Temperaturen fielen. Vermutlich würde ich mir eine Blasenentzündung einfangen. Wo steckte Jimmy? Genervt holte ich mein Smartphone aus der Tasche, um Jimmy wieder einmal hinterher zu telefonieren. Ich war noch mit meiner Tastensperre befasst, als sich mir ein alter Mann oder „älterer Herr“, wie ich in der Öffentlichkeit sagen würde, näherte. Er war ein bisschen außer Atem: „Schreiben Sie auch eine Straße weiter auf?“ Ich war bedient.

Schwere Entscheidung

Es war früher Abend, durch das geöffnete Fenster waberte der Geruch von gegrilltem Fleisch herein und ich saß hier mit der Wahl zwischen Pest und Cholera. Ich wollte beides nicht. Da aber nun einmal eine Entscheidung fallen musste, holte ich mir den Würfel aus der Monopoly-Packung und erklärte: „Wenn ich eins, zwei oder drei werfe, nehme ich den Regenbogen, bei vier, fünf oder sechs nehme ich die Sternschnuppe. Alles klar?“ Meine kleine Schwester nickte lächelnd. Selbstverständlich konnte sie noch gar nicht zählen, aber solange ich am Ende eines der beiden Bilder ausmalte, war ihr alles recht. Sie konnte nur gewinnen.

Philosophie eines Sportlehrers

Bevor ich Sportlehrer wurde, war ich ein sehr ehrlicher Mensch. Ich hielt mit meiner Meinung selten hinter dem Berg. Heute verfolge ich eine Philosophie der schmerzfreien Lüge, denn die Wahrheit tut zu sehr weh. Ich sage dem kleinen Carsten nicht, dass er dem Ball hinterher schnaubt wie eine asthmatische Dampflok und ich lasse Lina nicht anmerken, dass sie das Vorbild der Phrase „wie ein Mädchen werfen“ ist. Ich weiß, dass auf die Kinder, die ich unterrichte, noch viele Enttäuschungen warten, da müssen sie nicht wissen, dass sie die Koordination betrunkener Pinguine haben. Ich lache nur manchmal sehr lange. Oder weine.

Die Story des Jahres

Was für ein Glück er doch hatte! Andere Menschen in seiner Position mussten über Regimewechsel, Weltraummissionen oder Firmenübernahmen berichten, er dagegen durfte live dabei sein, wenn eine Ampel feierlich enthüllt wurde. Ganz zu schweigen von den vielen aufregenden Ereignissen wie dem Verschwinden eines Rosenbusches oder der Delle im Garagentor der Bürgermeisterin, die gar kein Auto besaß. Ja, Kleinstadtjournalismus war ein Traum. Jetzt wurde ihm sogar die Ehre zuteil, über die Story des Jahres zu berichten: die Brücke über dem Fischweiher war einem Unwetter zum Opfer gefallen. Es konnte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die internationale Presse aufschlug.

Der Astronaut

„Ist das ein Traum“ fragte ich, während mein Blick über die Ödnis streifte. „Nein“ erwiderte der Astronaut blechernd durch seinen Helm „du bist der erste Mensch, der ohne Raumanzug auf dem Mond spazieren kann. Barfuß!“ Peinlich berührt sah ich auf meine Füße. Ich trug tatsächlich keine Schuhe. Ich seufzte. Warum mussten alle Menschen, von denen ich träumte, solche Widerlinge sein? Moment, war er überhaupt … „Bist du ein Mensch?“ fragte ich ihn. Er grinste, obwohl ich sein Gesicht gar nicht sehen konnte. „Es gibt keine Schildkröten auf dem Mond!“ erwiderte er. Irgendwas sagte mir, dass dies eine lange Nacht werden würde.

Die Cousine

Sie konnte einfach alles besser als ich. Sie war sportlicher, klüger, witziger und natürlich hübscher. Vermutlich war eifersüchtig auf meine Cousine zu sein das einzige, was ich besser konnte als sie. Sicher war ich mir da aber auch nicht.  Um ihre eigene Perfektion beneidete sie sich wahrscheinlich selbst manchmal. Es gab für mich keine Möglichkeit, sie zu besiegen. Wenn ich eine gute Note schrieb, gewann sie irgendeinen Preis. Wenn mir ein netter Witz gelang, riss sie das ganze Abendprogramm an sich. Sollte ich jemals ein Land erobern, würde sie wahrscheinlich den Mars einnehmen. Ich wünschte, ich könnte sie wenigstens hassen.

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